Studie: Kunst verbindet – aber Kultureinrichtungen müssen sich weiter öffnen

„Es gibt viele Wege, auf denen sich Menschen begegnen können. Ein wesentliches Element ist die Kunst – allen voran die Musik. Sie führt Menschen aufeinander zu, bringt sie in Kontakt und hilft so, mit Unterschieden umzugehen, Konflikte zu bewältigen und Trennendes zu überwinden. Film, Theater, Literatur, die bildende Kunst, aber vor allen Dingen die Musik: Sie alle können eine gemeinsame Sprache schaffen und ein Bindeglied zwischen Menschen sein“. Dies erklärt die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Liz Mohn, in ihrem Vorwort zu einer aktuellen Studie der Organisation zum Thema „Kunst in der Einwanderungsgesellschaft“. Darin wurde untersucht, welche Beiträge die Kunst für ein Zusammenleben in Vielfalt leisten kann, inwieweit diese Möglichkeiten hierzulande wahrgenommen werden und wo es Verbesserungsbedarf gibt.

Um es vorwegzunehmen: Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Kunst und Kultur ein großes Potenzial als Vermittler in einer Einwanderungsgesellschaft aufweisen. Sie können Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft näher zusammenbringen. Dies bezeichnet Mohn als „die verbindende Kraft der Kunst“. Interkulturelle Kunst-, Film-, Theater und Literaturprojekte setzten oft wesentliche Impulse zur gegenseitigen Verständigung, heißt es in der Analyse. Gleichzeitig weisen deren Verfasser aber auch darauf hin, dass gemeinsame Kunst- und Kulturprojekte keine Lösung für Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit sein können. Doch Kunst und Kultur hätten Beispielcharakter, betonen die Forscher. Denn solche Vorhaben setzen auf Begegnung und Verständigung von Menschen verschiedener Herkunft, begründen die Verfasser der Studie ihre Ansicht. Dabei werde auch das Ziel verfolgt, langfristig ein Bewusstsein für Deutschland als Einwanderungsland zu schaffen.

Dazu weisen die Autoren in der Untersuchung darauf hin, dass Deutschland das Land mit den drittmeisten Einwanderern weltweit ist. Hier leben Menschen aus rund 200 Nationen, so die Studie. Das bedeutet: Viele Menschen hierzulande sind nicht nur unterschiedlicher Herkunft, sondern haben auch unterschiedliche kulturelle Prägungen und Traditionen. Somit ist Deutschland geprägt von vielfältigen Einflüssen, die im Laufe der Geschichte in unser Land gekommen sind. Die Autorinnen, Burcu Dogramaci und Barbara Haack, sehen in dieser kulturellen Vielfalt eine Bereicherung.

Sie haben die Rolle der Künste für das Zusammenleben in Vielfalt in der Studie anhand von zwölf ausgewählten Fallbeispielen untersucht. Die zwölf Musterfälle stellten unterschiedliche Herangehensweisen, Voraussetzungen, Ziele und Zielgruppen in einem breiten Spektrum dar, heißt es in der Studie. Jedes Beispiel ist demnach eine Art „Nukleus“, aus dem heraus sich eigene Ideen und Erfahrungen entwickeln konnten. Wenn die Beispiele auch nicht eins zu eins wiederhol- oder nachahmbar sind, seien sie dennoch jedes für sich eine Art Modellprojekt, betonen die Verfasser.

Zu den ausgewählten Projekten gehören unter anderem die 15-köpfige Musikgruppe „Banda Internationale“ aus Dresden, die sich gegen Rassismus engagiert, das Projekt „Selam Opera“ der Komischen Oper Berlin, das klassische Musik auch Nicht-Oper-Besuchern näherbringen will, das europäisch-arabische Tanznetzwerk „Heroes“ und der Internet-Blog „Migrantenstadl“. Bei allen zwölf Beispielen hinterfragten die Autoren der Studie nach eigenen Angaben, „welche Bedeutung künstlerische und kulturelle Projekte als kulturelle Ressource für das Zusammenleben in unserer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft haben, inwieweit sie also dazu beitragen können, unsere Gesellschaft der kulturellen Vielfalt zusammenleben und -wachsen zu lassen“.

Die Studie belegt demnach, dass sich aus den vielfältigen Einflüssen von außen, die Deutschland im Laufe seiner Geschichte geprägt haben, zahlreiche inhaltliche Chancen für den Kulturbetrieb ergeben. Es komme darauf an, die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit Migration, Integration und Vielfalt verbunden sind, im Repertoire abzubilden, betonen die Autoren und stellen dazu fest: „Mehr Mut zu Vielfalt lohnt sich: für die Kultureinrichtungen, für das Publikum und vor allem für die Gesellschaft“, so Kai Unzicker, Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung, mit Blick auf die Erfahrungen aus den Fallstudien. Auch der etablierte Kulturbetrieb und sein Publikum müssten sich weiter öffnen, fordert Sozialwissenschaftler Unzicker. In diesem Sinne sollten aus seiner Sicht etwa Ensembles vielfältiger besetzt werden.

Damit Kultureinrichtungen sich jedoch auf die Bedingungen einer Einwanderungsgesellschaft einlassen können, bedarf es passender Strukturen und Rahmenbedingungen, erklärt die Leiterin des Fachbereichs Kultur der Deutschen UNESCO-Kommission, Christine M. Merkel. Für sie macht die Studie deutlich, wie wichtig solide Strukturen und eine systematische Förderung vielfältiger Projekte, Akteure und Möglichkeiten kultureller Teilhabe sind. Kultur-Einrichtungen brauchten langfristig Förderung und Planungssicherheit, betont Merkel.

Die gemeinsame Studie mit der deutschen UNESCO-Kommission mache die integrative Kraft der Kunst deutlich, fasst Bertelsmann Stiftungs-Vorstand Liz Mohn zusammen: „Kunst habe immer wieder verstört und provoziert, inspiriert und aufgerüttelt, aber auch verbunden und gemeinsame Werte symbolisiert.“

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