Zuchtmeister mit Teflonhaut

Als ich vor Jahren in Las Vegas (USA) die Herren Fischbacher und Horn sah, musste ich an das alberne Bild von dem Rad fahrenden Elefanten denken, auf dessen Rücken ein Löwe saß.

Bevor Sie, werte Leser, sich jetzt fragen, ob ich ein Glas Moselriesling zu viel hatte, schnell die Aufklärung. Das Pärchen in Las Vegas heißt mit Vornamen Siegfried und Roy. Die Herren treten als Dompteure mit Tigern und Löwen in einer Show auf, die ein Spielkasino zur Belustigung der Gäste veranstaltet. Zwischenzeitlich hat einer der Tiger sich danebenbenommen und eines der Herrchen angeknabbert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Berufsstand des Dompteurs, auch Zuchtmeister oder Tierbändiger genannt, wurde in Deutschland durch den Hamburger Wilhelm Hagenbeck begründet, nach dem noch heute der Zoo in der Hansestadt benannt ist. Dieser Raubtierbändiger brachte Ende des 19. Jahrhunderts einen Elefanten dazu, Rad zu fahren, während ein Löwe auf seinem Rücken saß. Ich finde diese Illustration zum Ruhme des Zuchtmeisters eher albern, aber es gibt Zeitgenossen, die sie regelrecht erzürnt. Die Zurschaustellung wilder Tieren zu reinen Unterhaltungszwecken sei keine artgerechte Haltung. Was mal eine Sensation in jedem Zirkus war, gilt heute vielen als Tierquälerei.

Auch das politische Berlin kennt den Beruf des Zuchtmeisters. Das sind die parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktionen im deutschen Bundestag, allen voran die Fraktionsvorsitzenden. Für die Freunde von „House of Cards“ (einer Fernsehserie über Politik in den USA): Das ist der ursprüngliche Job von Frank Underwood als „majority whip“.

Auf einem Flug von Berlin nach Stuttgart hatte ich jetzt die Ehre, neben einem solchen Tierbändiger zu sitzen. Er heißt Volker Kauder und steht im Ruf, für Angela Merkel die Peitsche knallen zu lassen. Im englischen Parlament heißen die Zuchtmeister der Fraktionen tatsächlich „whip“, zu deutsch Peitsche. Der „chief whip“ ist das, was wir den Fraktionsvorsitzenden nennen. Der direkt gewählte Abgeordnete Kauder (CDU, aus Rottweil-Tuttlingen) ist eine erstaunliche Persönlichkeit, weil eigentlich niemand an seiner Integrität zweifelt. Er ist Volljurist, vor allem aber ein strammer Christ, der aus seinem Glauben keinen Hehl macht. Selbst das Gerücht, dass er Waffenlobbyist sei und dem Gewehrfabrikanten Heckler & Koch aus seiner Heimat wohlgesinnt, hat an seinem gusseisernen Ruf nichts geändert. Kauder hat eine Teflonhaut; wie bei der sprichwörtlichen Bratpfanne bleibt nichts an ihm kleben. Damit ist Kauder ein Abziehbild seines Pendants bei der SPD. Der Zuchtmeister der Sozis heißt Thomas Oppermann. Er ist ebenfalls Volljurist, vor allem aber eine moralische Autorität mit der Aura eines Kennedy. Selbst das Gerücht, dass er in der Affäre um Sebastian Edathy Fünfe hat gerade sein lassen, hat an seinem gusseisernen Ruf nichts geändert. Oppermann hat eine Teflonhaut … Aber das kennen Sie ja schon.

Beiden ist ein unglaublicher Langmut mit den Launen der Damen und Herren Abgeordneten in ihren Fraktionen gemein. Sie machen die Kärrnerarbeit im Parlament, das heißt Flöhe hüten. Wobei sich die Flöhe für Löwen halten. Die Nerven hätte ich nicht. Kauder wie Oppermann sind meine Generation, und ich glaube, deren Lebensgefühl zu kennen. Ein alter Hund lernt nämlich keine neuen Tricks. Es muss sie wirklich nerven, das Leben als Hütehund der Fraktionen. Neben dem größten dieser Hütehunde habe ich vor 35 Jahren einmal gesessen. In Bergkamen wurde ein neues Steinkohlebergwerk eingeweiht, und Herbert Wehner (SPD) war Ehrengast. Ich hatte für ein kaltes Buffet zur Bewirtung der Gäste gesorgt. Genosse Wehner war damals Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten im Parlament und hatte einen Ruf als der bärbeißigste Redner der Bonner Republik zu verteidigen. In der Fraktion nannten sie ihn „den Onkel“, und das war kein Kosename. Der gelernte Kommunist wurde von seiner Stieftochter (und späteren Ehefrau) Greta begleitet, die für ihn statt der hippen Häppchen aus einer mitgebrachten Thermoskanne einen Haferschleim goss, den er brav aus einem Napf löffelte. Ich war entsetzt und fasziniert zugleich. Erst später habe ich erfahren, dass der böse Onkel an Diabetes litt. Wehner hat als Zuchtmeister der SPD den Fraktionszwang umgelogen in Fraktionsdisziplin oder Solidarität. Wobei für ihn Solidarität und Disziplin das Gleiche waren. Er war durchaus für geteilte Meinungen; er hatte eine, und die anderen durften sie teilen. Wehners Worte waren wie Peitschenhiebe.

Woher kommt die Notwendigkeit der Zuchtmeisterei? Warum knurren die Hütehunde? Was ist mit den Schafen? Nun, die Abgeordneten dürfen eigentlich machen, was sie wollen. Das Grundgesetz erlaubt den Flohzirkus. Es gibt kein imperatives Mandat. Einmal gewählt, unterliegen sie keinen Weisungen mehr und sind nur noch ihrem Gewissen unterworfen. Das steht so in der Verfassung. Und wer hasst das auf den Tod? Na, die Regierung, die will, dass ihre Mehrheit im Parlament auch steht. Keine Abweichler! Die Fraktionsvorsitzenden wollen im Sinne einer handlungsfähigen Regierung oder einer einheitlichen Opposition einen Fraktionszwang durchsetzen, von dem sie wissen, dass er nicht verfassungskonform ist. Dazu braucht es schon eine Teflonhaut.

Das zehrt. Bei Kauder, der immer die Ruhe selbst war, sehe ich zunehmend Zeichen der Unruhe im Gesicht. Er wirkt wie ein Kessel unter sehr viel Dampf. Und Oppermanns Kennedy-Lächeln trägt inzwischen deutliche Sorgenfalten.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 29.07.16)

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