Wenn das Charisma verflogen ist

Die Urlaubszeit ist vorbei. Die politische Klasse kehrt zurück nach Berlin. Worüber wird geredet? Na, wie der Urlaub so war. Viele mussten die Schönheit der Heimat wiederentdecken, da in der weiten Welt Terrorangst herrscht. Und darüber, dass der ehemalige Kanzleramtsminister Pofalla sich teuerste Füller der Marke Montblanc auf Kosten der Steuerzahler anschaffte.

Ich kann bestätigen, dass er ein ganzes Etui mit den Edelgeräten benutzt. Ich habe ihn mal in der Bahn gesehen, wie er Akten bearbeitete. Er hatte von Montblanc das ganze Besteck, nicht nur den Füller und den Kuli und den Bleistift, sondern auch den „Gilber“. Das ist ein Textmarker, mit dem man gelbe Farbe an wichtige Stellen bringen kann. Sie und ich haben so ein Ding bei Aldi für kleines Geld erworben. Der Bundesminister und spätere Vorstand der Bahn AG hatte das Gelbe in einem Luxusstift. Man kann mit einem Kolbenfüller und richtiger Tinte schreiben wollen, weil das ein tolles Schriftbild gibt. Das ist auch mein Hobby. Aber gilben mit Montblanc? Ich dachte damals, was für ein kleinkarierter Angeber! Da dachte ich noch, er hätte das Protzbesteck selbst angeschafft; jetzt weiß ich, es war mein Steuergeld.

Drittes Thema im tropisch heißen Berlin: Wer wird Staatsoberhaupt? Der amtierende Bundespräsident hat auf eine zweite Amtszeit verzichtet. Also ist die Frage: Wer wird Germanys Next Topmodel in Schloss Bellevue? Das Geschacher geht schon los. Zwar hat die Kanzlerin sich solche Debatten verbeten, weil noch nicht der richtige Zeitpunkt sei, aber das hindert die Schwatzhaften natürlich nicht am Schwatzen. Die Roten wollen keinen Schwarzen. Die Grünen wollen einen gemeinsamen Kandidaten von Rot-Rot-Grün. Die Frauen wollen keinen Mann. Die Schwulen sind die Heteros leid. Man kann auf das allseitige Geschwätz nicht viel geben, weil auch in der Politik gilt, dass die mit der geringsten Ahnung immer die Lautesten sind. Auch ich kann Ihnen, verehrte Leser, nicht sagen, wer es denn wird. Das entscheiden am Ende die 1260 Wahlmänner und -frauen der Bundesversammlung. Im dritten Wahlgang wird dort mit einfacher Mehrheit gekürt, sodass am Ende auch geringere Begabungen eine Chance haben. Siehe Christian Wulff.

Berlin ist ratlos. Man weiß nicht mal mehr, wer die nächste Bundesregierung stellen wird, wenn die Union unter 30 Prozent fällt und die SPD unter 20. Dann hat nicht mal mehr eine Große Koalition mehr als 50 Prozent. Die alten Blöcke der Macht zerfallen. Der Ruhe-Modus, in dem die GroKo Merkel & Gabriel sich durch die Legislaturperiode gewurschtelt hat, wird sich nicht ausgezahlt haben. Aber erst kommt die Wahl des Bundespräsidenten, dann die des Bundeskanzlers. Habe ich hier und heute gar keine Geheimnisse anzubieten? Nur Allgemeinplätze? Nun, ich weiß zumindest, wer sicher nicht Bundespräsident wird. Und das sagt mehr über den Zustand des Landes, als die Meinungsumfragen ahnen lassen. Erlauben Sie mir vorher aber noch die Schilderung eines Urlaubserlebnisses. Ich war, wie Sie wissen, in Schottland und habe wieder gelernt, dass die Beziehung der Schotten zu den Windsors, dem englischen Königshaus, nicht umzubringen ist. Sie lieben die historische Queen Victoria, weil die Schottland liebte (und nach dem Tod ihres Gatten wohl ihren schottischen Gärtner, einen sehr stattlichen Mann).

Von der historischen Zuneigung profitiert auch die amtierende Queen Elizabeth II. (Elisabeth Regina die Zweite), die ihre Sommer noch immer wie Victoria auf Balmoral in Schottland verbringt. Für die englische Volksseele ist die Schauspielerin Helen Mirren die Verkörperung von ER II, der Queen, weil sie diese in einem Film so überzeugend verkörpert hat. Als das Leben der schottischen Angela Merkel, einer Dame namens Nicola Sturgeon, verfilmt werden sollte, verlangte die Stimme des Volkes in der Rolle Helen Mirren, die Darstellerin der Queen. So groß ist die Zuneigung der Bevölkerung zur Regierungschefin. Man sieht in der Ersten Ministerin die Königin. Das erzählt mir ein befreundeter Meinungsforscher des Institutes YouGov. Der Forscher hat herausgefunden, dass Nicola Sturgeon die beliebteste und „gemochteste“ lebende Person Schottlands ist, noch vier Plätze vor der Queen. Sie wird als Regierungschefin vergöttert wie ein Staatsoberhaupt. Ein Idol im Amt. Schottische Verhältnisse. Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Solche Zeiten sind für Angela Merkel vorbei. Niemand, buchstäblich niemand, will sie nach ihrer Kanzlerschaft auch noch als Bundespräsidentin sehen.

Merkel ein allseits geliebtes Idol? Nein, der Mythos ist entzaubert. Merkel kann vielleicht, so die Götter wollen, noch mal nach einem miesen Wahlergebnis irgendwie eine Regierung bilden, am Ende mittels Tolerierung durch die AfD. Aber vom Volke vergöttert? Das ist, wenn das jemals galt, jetzt vorbei. Niemand schlägt Merkel als Gauck-Nachfolgerin vor. Was ist geschehen?

Es gibt in der Politik einen Moment, in dem das Charisma, das ein Politiker hatte, urplötzlich verflogen ist. Das Volk empfindet, was Eheleute empfinden, deren Ehe eines Morgens gescheitert ist: Man kann nicht mal mehr ertragen, wie der andere ein Frühstücksei isst oder seinen Kaffee schlürft, vom Schnarchen ganz zu schweigen. Politisches Charisma ist ein flüchtiges Gut. Und mit der verflossenen Liebe steigt der Frust.

Mit dem Frust steigen die Gelüste auf Rache; man frage Oskar Lafontaine. Joschka Fischer hat das erlebt, der einst bewunderte Außenminister. Gerhard Schröder hat seine Enttäuschung dem Rotwein gebeichtet. Bundespräsident Köhler ist noch immer ahnungslos; er habe doch nichts falsch gemacht, findet er. Kurt Beck versteht die Zeiten nicht mehr. Merkel muss in Osteuropa tingeln und sich mit rechtspopulistischen Potentaten ungarischer, tschechischer oder polnischer Zunge balgen, damit es in der EU nicht zur offenen Rebellion kommt. „Aus die Maus“, sagt der Berliner.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 02.09.16)

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