Warum Zeitungen ärgerlich sein dürfen

Was darf die Presse? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wen Sie fragen. Wenn Sie die in Berlin überall anzutreffenden Journalisten fragen, so finden diese in aller Regel, dass sie eigentlich alles dürfen.

Das hängt damit zusammen, dass dieser Beruf sich eine eigene Standesmoral zugelegt hat, die eine Art Generalausrede für zahlreiche diskutierenswerte Verhaltensweisen liefert. Die Journalisten glauben, sie seien die Vierte Gewalt im Staat. Also sehr, sehr wichtig. Anders als die anderen Gewalten wie Regierung, Parlament oder Justiz fühlen sich die Medienvertreter nicht nur als bessere Menschen, sondern auch noch als bessere Menschen, die schon mal fünf gerade sein lassen dürfen. Jedenfalls darf man sie nicht verärgern. Pressevertreter neigen von Berufs wegen zu moralischer Überheblichkeit.

Aber sie sind bei näherem Hinsehen nicht so arrogant, wie sie auf jene wirken, die gerne von ihnen bewundert würden. Die Eitelkeit von Politikern ist grenzenlos; man erwartet Huldigung. Wenn die nicht kommt, knurrt der Oberhirsch.

Was soll die Presse? Für den Bürger draußen im Lande soll sie eine Art Wachhund sein. Man will informiert werden, wenn im Berlin der Oberhirsche etwas läuft, das nicht den Regeln oder Erwartungen entspricht. Wenn man aber im Sinne der Demokratie gerne scharfe Wachhunde hätte, dann darf man dafür nicht Schoßhündchen nehmen, die sich mit Leckerli bestechen lassen. Wer kuscheln will, der ist im Journalismus falsch. Insofern ist mir als Bürger die Überheblichkeit der Journalisten sehr recht. Die Oberhirsche sollen Angst haben, von den Presseterriern gebissen zu werden. Die Terrier vertreten gegenüber den Mächtigen mein Misstrauen, ob denn alles mit rechten Dingen zugeht.

Deshalb schützt der Gesetzgeber diesen Beruf in besonderer Weise; er gewährt zum Beispiel ein Zeugnisverweigerungsrecht, mit dem der Journalist seine Quellen schützen kann. Und mir ist es auch recht, wenn die Straßenköter der Medien sich Informationen etwas am Rande der Legalität besorgen. Hauptsache, ich erfahre als Bürger über sie, was bei den Pitbulls der Politik läuft. Wird die Presse ihrer Aufgabe gerecht? Da habe ich persönlich die meisten Zweifel bei den öffentlichrechtlichen Anstalten der ARD und des ZDF. Das sind große Behörden mit eigenem Sender. Sie werden zwangsfinanziert und sitzen auf weichen Kissen in Hundekörbchen mit erheblichem Luxus und dem Recht auf Faulheit.

In den privaten Verlagen, die die Zeitschriften und Zeitungen herausbringen, sind es eher Holzbänke, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geboten werden. Das hängt auch mit der wirtschaftlichen Führung der Verlage zusammen, vor allem aber mit dem Konkurrenzdruck zwischen den Blättern. Eigentlich war die Konkurrenz als etwas Gutes gedacht. Dieser Wettbewerb einer vielfältigen Presselandschaft galt früher als Garant der Pressefreiheit. Da hat sich einiges wirtschaftlich verschoben. Aber nach wie vor gilt: Wer gelegentlich eine oder zwei überregionale Zeitungen liest und immer sein Heimatblatt, der ist schon ganz gut im Bilde. Und mit dem Internet, da kann man unter den „watchdogs“ weltweit unterwegs sein, wenn man denn nur aufgeweckt genug ist.

Welche Rolle haben die Pressesprecher und Lobbyisten in dem Spiel? Dieser Berufsstand, dem auch ich angehöre, will einer bestimmten Meinung zur Geltung verhelfen. Journalisten nennen diese Pinscher der PR abschätzig „Mietmäuler“. So ganz falsch ist das nicht. Wenn das nicht in Manipulation ausarten soll, was die PR-Leute treiben, so darf man zwei Dinge mindestens erwarten: Erstens müssen sich alle Interessen äußern können. Wenn also eine parteipolitische Frage ansteht, so sollte man die Sprecher aller Parteien auch vernehmen. Konkurrenz belebt das Geschäft. Zweitens sollten Journalisten ein sehr kritisches Verhältnis zu den Lobbyisten haben und ihnen nicht auf den Leim gehen. Wenn man Dr. Marlboro fragt, ob Rauchen gesund ist und der das bejaht, dann muss das eben nicht stimmen. Im Gegenteil, es kann richtiggehend falsch sein. Womit wir wieder bei Journalisten als scharfen Hunden sind. Sofapudel taugen dazu nicht.

Was ist mit der Lügenpresse? Das ist ein Vorwurf aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Eine Vokabel voller Gift. Ein brauner Wolf im Schafspelz. Ja, es kann sein, dass ein Blatt irrt. Ja, es kann sein, dass mir eine bestimmte Zeitung eine ganz spezielle Meinung unterjubeln will. Nein, ich finde nicht immer gut, was da so in den Schlagzeilen steht. Aber kippt man deshalb eine demokratische Kultur? Wohl kaum. Es muss sich nämlich bei der Presse immer jemand gewaltig ärgern. Jeden Tag ein anderer; manche öfter. Das, was jemand unter keinen Umständen lesen möchte, weil es ihm und seinen dunklen Geschäften nicht passt, das ist eine Nachricht. Das, was einen Oberhirschen als kritische Einstellung ärgert, ist eine veritable Meinung. Die netten Sachen, die allen gefallen, die gehören in die Werbung.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 22.10.16)

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