Warum Schulz und Merkel summen

Wer blutige Schlachten erwartet vom anstehenden Bundestagswahlkampf, der wird enttäuscht werden. Wer auf inhaltliche Kontroversen lauert, kann lang warten. Wer auf klare Alternativen hofft, wird verzweifeln. Hier kämpft nicht Gut gegen Böse, Schwarz gegen Weiß. Es geht in der großen Politik zu wie in jedem mittleren Gesangverein. Eher langweilig und auf Geschmacksfragen hinauslaufend. Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Obwohl, eine Aufregung gibt es dann jetzt doch: den Schulz-Effekt.

Im politischen Berlin staunen die Freunde des Martin Schulz über dessen Erfolg. Und seine Gegner nicht minder. Der SPD-Kanzlerkandidat trifft zu 100 Prozent den Ton. Jedenfalls jenen Ton, den seine Anhänger hören wollen. Die SPD befindet sich in einer Hochstimmung, die sich alte Hasen kaum erklären können. Ich höre bei Konservativen, Liberalen wie Grünen irritierte Sprüche wie: „Was haben die denn genommen?“ Man vermutet mehr oder weniger scherzend, dass eine ganze Partei auf Drogen sei. In der S-Bahn werde ich Zeuge, wie zwei Jugendliche kichern: „Die haben was geraucht!“ Die jugendlichen Herrschaften meinen damit nicht Tabak, sondern Stimmungsaufheller besonderer Art.

Euphorie also bei den Sozis. Gleichzeitig ist von der Union eher ein verlegenes Räuspern zu vernehmen. Die Kanzlerin scheint noch nicht im Wagner-Modus. Die CDU hat gerade erst die Wahlkampfleitung neu besetzt, und zwar extern. Das gilt als kein gutes Zeichen. Man wechselt die Pferde nicht mitten im Strom.

Bei den Sozen hingegen läuft’s. Könnten dem Siegeslied des Kandidaten aus Würselen bald die Töne ausgehen? Alle erfahrenen Beobachter wissen, dass ein Frühstart noch kein Sieg ist. Siegesstimmung auf der einen und Köpfekratzen auf der anderen Seite. Insgesamt pendelt die Stimmung in der Stadt zwischen aufgekratzter Fröhlichkeit und irritierter Skepsis. Wird es doch noch spannend?

Die Medien fragen nach den Inhalten der neuen SPD. Hier gibt es eine wirkliche Überraschung. Obwohl es ein ewiger Refrain der sozialdemokratischen Parteibasis ist, dass es auf die Inhalte ankomme, finden sich keine neuen und nennenswerten Inhalte bei Martin Schulz. Mal zitiert er Willy Brandt, aber meistens sagt er Dinge, die man bestenfalls als vage bezeichnen kann. Was die Anhänger am Heldengesang ihres Anführers begeistert, ist nicht das Lied, also der Text, sondern die Melodie. Schulz trifft hundertprozentig den Ton, ja, das stimmt. Aber er summt. Die Wirkung seines Gospel liegt nicht im Wortlaut; sie entspricht dem des Wiegenliedes: Eine vertraute Stimme mit vertrauten Tönen erfüllt das Herz der Zuhörer mit nostalgischem Glück. „Schlaf, Kindchen, schlaf, Dein Vater ist ein Schaf…“

Aber, so mag man einwenden, die Menschen erwarten doch Inhalte, Aussagen, Parolen, Visionen? Nicht in deutschen Landen. Ich darf daran erinnern, was in Auerbachs Keller (dem Studentenlokal in Goethes „Faust“) passiert ist, als jemand ein inhaltsschweres Lied anzustimmen suchte. Die versammelten Burschen buhten ihn aus: „Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!“ Steht so bei Goethe. Seitdem gilt als Motto aller bierseligen Bürger: „Politisch Lied, ein garstig Lied!“ So hat es der Dichter des Deutschlandliedes, Hoffmann von Fallersleben, genannt.

Wenn die Franzosen ihre Nationalhymne singen, dann rufen sie darin die Bürger aggressiv an die Waffen. Das stammt aus der blutigen Revolution von 1789. Wenn die Italiener statt ihrer Nationalhymne „Ciao Bella Ciao“ anstimmen, dann möchten sie ihre Vergangenheit als Widerstandskampf gegen Mussolini deuten. Wenn die Engländer „Britannia rule the waves“ anstimmen, geht es um die maritime Weltmacht, die sie einst waren. Und die Friedensbewegten, die singen „We shall overcome“. Immer sind es handfeste Ideologien und konkrete Historien, die gefeiert werden.

Das „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ des Martin Schulz klingt wie „Am Brunnen vor dem Tore“, wie ein vertrautes Volkslied. Darin hat Schulz das Genie von Angela Merkel. Es ist das Wesen ihrer Politik über mehr als ein Jahrzehnt gewesen, den Dingen den ideologischen Stachel zu nehmen und sie als allzu selbstverständlich zu normalisieren.

In der Alternative Merkel gegen Schulz vertreten beide die Politik des Alternativlosen. Beide singen das hohe Lied auf die Normalität. Sie summen es. Wenn es auf den Text nicht mehr ankommt, dann ist entscheidend, wer den Ton besser trifft. Deutschland, ein Gesangverein.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 30.03.17)

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