Von der Bedeutung des Privaten

Im Wein liegt die Wahrheit. Das haben die alten Römer behauptet. „In vino veritas“, so hieß das Motto der Trinkfesten. Wer schon einmal recht spät, aber stocknüchtern auf einem Winzerfest zubringen musste, weiß, dass das so nicht stimmt. Niemand redet größeren Unsinn als der wirklich Betrunkene. Der Rebensaft lockert nicht nur die Zunge, er schaltet irgendwann auch das Hirn aus. Was haben die Römer, die uns historisch den Wein ja an Rhein und Mosel gebracht haben, also gemeint?

Man glaubte damals, dass Menschen im angeheiterten Zustand die Fähigkeit verlieren, sich zu verstellen. Man fürchtete Intrigen, Hinterlist, Tücke. Wer nüchtern ist und kühlen Kopfes, so dachten die skeptischen Römer, der könne durchaus Böses im Schilde führen. Deshalb begannen geschäftliche Verhandlungen oder politische Kongresse immer mit einem ausgiebigen Gelage. So gab es die Chance, am Vorabend des Ernsten im Heiteren hinter dem fremden Geschäftsmann oder Politiker den Menschen zu entdecken. Was für Menschen stecken hinter den Politikern?

Gute Frage. Journalisten nehmen gern an Politikerreisen teil, weil sich dabei Gelegenheiten ergeben, die Herrschenden auch mal in ungezwungenem Rahmen kennenzulernen. Man erhofft sich einen überraschenden Einblick in die Persönlichkeit des Amtsinhabers. Legendär sind die Pressegespräche, die Helmut Kohl in der Strickjacke auf Regierungsreisen im Flugzeug zu führen pflegte. Wenn alles entspannt war, ging der Kanzler unter die Presseleute und redete mal Klartext. Zumindest tat er so. Unter Gerhard Schröder brachte ein einzelner Stahlunternehmer schon mal kostbare Rotweinflaschen mit an Bord, und es wurde feucht fröhlich Skat gedroschen. Man rühmt bis heute Schröders Fähigkeit, am nächsten Morgen rundum staatsmännisch auszusehen. Eine solche Runde in altem Kreis hat gerade wieder getagt; es waren anwesend der Altkanzler, sein damaliger Innenminister und der vorbenannte Stahlunternehmer. Ich höre etwas zu dem, was so besprochen worden sein soll. Aber gehört das hierhin? Haben nicht Politiker, zumal wenn sie pensioniert sind, ein Recht auf Privatheit? Muss man nicht gerade bei denen, die die Last des Amtes tragen, Respekt und Zurückhaltung gegenüber menschlichen Schwächen üben?

Umgekehrt gibt es natürlich Politiker, die das Private öffentlich verwerten wollen, wenn es ihnen nützt. Ich will jetzt gar nicht auf amerikanische Verhältnisse eingehen, wo die ganze Familie vor die Kamera soll, einschließlich Kinder. Mein Vater nennt das „Kanonenfutter“, Missbrauch der Familie zur Wahlwerbung. Man wird gewählt, wenn die Leute einen nett finden. So ein Politikertyp ist Martin Schulz, dem im EU-Parlament die Felle weggeschwommen sind, weshalb er jetzt in Berlin etwas werden möchte. Die ganze Welt findet ihn toll, den kreuzsympathischen Martin Schulz. Manche glauben gar, dass er als Kanzlerkandidat einen riesigen Sieg für die SPD einfahren würde. In der Antike hätte er es nicht zum Kaiser bringen können: Er trinkt O-Saft; das wäre bei den Römern gar nicht gegangen.

Es gibt viele brillante Politiker in der Weltgeschichte, die privat unerträglich gewesen sein sollen. Sir Winston Churchill, der charismatische Warlord der Engländer, war ein so harter Trinker (Scotch!), dass sein Umfeld nächtens regelrecht litt. Noch unangenehmer soll die Eiserne Lady Maggy Thatcher (Gin!) im Persönlichen gewesen sein. Ihr früherer Pressesprecher und konservativer Parteikollege nennt sie schlicht „bitch“; das können wir hier unmöglich übersetzen. Was die Berater von Frau Clinton über Hillary sagen, das kann ich hier erst recht nicht wiederholen. Ich war lange mit dem Strategiechef ihres Ehemannes befreundet, der sie schlicht hasste und des krankhaften Neides bezichtigte. Kann das stimmen? Wenn es stimmt: Ist es wichtig?

Natürlich haben wir immer gewusst, dass hinter den politischen Rollen, die das Weltentheater uns zeigt, ganz normale Menschen stecken. Keine Götter, sondern Sterbliche mit allen Fehlern, die das Leben so mit sich bringt. Welche Bedeutung hat das Private? Zeigt es den wahren Menschen? Oder sind wir einfach nur neugierig und stecken unsere Nase in Dinge, die uns als Bürger nichts angehen? Wir können es schlecht wie die alten Römer machen und mit allen Kandidaten für politische Ämter erst mal einen saufen gehen. Das hielte ja keine Leber aus.

Was den hohen Adel angeht und die steilen Filmsternchen, da kennt die sogenannte Yellow Press ja keine Scham. Uns wird mehr über deren Privatleben berichtet, als wir jemals zu wissen befürchtet haben. Und das meiste von dem, was die billigen Illustrierten und TV-Magazine füllt, ist banal oder schlicht gelogen. Welche Schlussfolgerung ziehen wir daraus? Wir sollten Politiker nach ihren Handlungen beurteilen, genauer: nur nach den Folgen ihres Handelns oder Unterlassens. Über alles andere weiß man nämlich eh nichts Genaues. Und das ist auch gut so.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 05.12.16)

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