Trau, schau, wem!

Es gibt Parteien, die sterben, weil sie aus dem Parlament fliegen. Zum Beispiel die sogenannten Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus. Nun denn, so ist das in einer Demokratie. Der Wähler hat das letzte Wort. Die FDP hat er hier am Ort wieder zum Leben erweckt und über die 5-Prozent-Hürde gehoben. Den Piraten hat der Souverän Adieu gesagt. Politischer Alltag.

Tragischer ist es, wenn Politiker ihrem Leben ein Ende setzen. Jürgen Möllemann, eine zentrale Figur in der damaligen FDP, war so ein Fall. Und bei den Piraten jetzt Gerwald Claus-Brunner. In beiden Fällen Selbsttötung am Ende einer politischen Karriere. Dann gälte eigentlich die uralte Vorschrift, dass man über Tote nichts Böses mehr sagt.

Ich werde an dieser Stelle gegen die altehrwürdige Regel verstoßen. Das kann man nur mit guten Gründen. Es geht um einen 44-jährigen Politiker der Piratenpartei, der einen deutlich jüngeren Mann umgebracht und die Leiche mit einer Sackkarre quer durch die Stadt von dessen Wohnung in seine gefahren hat, um sich dann selbst das Leben zu nehmen. Man mutmaßt, dass der Führerscheinlose dabei die UBahn Linie U9 benutzt hat. Ich kenne die Strecke, da würde unter all den Pennern und Dealern ein Pirat mit Sackkarre nicht auffallen. Schaurig.

Warum breite ich solche Details hier aus? Wenn solche Menschen für uns im Parlament sitzen, müssen wir als Wähler darüber reden dürfen. Das Presserecht erlaubt dies ausdrücklich, wenn es sich um „absolute Personen der Zeitgeschichte“ handelt; so nennt der Gesetzgeber das, wenn einer auf der großen Bühne steht. Wer auf der Bühne den großen Max macht, muss hinnehmen, dass man nach dem kleinen Mäxchen fragt, das er unter Umständen privat ist oder war.

Ich kannte den Piraten, der auf den Spitznamen „Faxe“ hörte, vom Sehen, weil er unübersehbar war. Riesig, wohlgenährt, in Latzhose und mit buntem Kopftuch auf dem Schädel. Er galt im Parlament als undiszipliniert, aber das machte ihn für die Medien interessant. Ich will aber gar nicht so sehr über diesen tragisch geendeten Mann oder das bemitleidenswerte Opfer reden. Es geht mir um das Verhältnis der Parteien zu den konkreten Politikern. Ich will mich als Bürger nicht von tollen Pogrammen über zweifelhafte Personen täuschen lassen. Mein Rat wäre, sich nicht durch Propaganda und Programmatik blenden zu lassen. Man sollte wissen, wes Geistes Kind die Menschen sind, die da antreten. Und ich gebe zu, dass meine Sorgen in dieser Hinsicht gestiegen sind, seit wir auch in Deutschland Rechtspopulisten haben.

Wohlgemerkt, die AfD hat nichts mit den Piraten zu tun und die FDP rein gar nichts mit beiden. Der Zusammenhang liegt in der verführerischen Propaganda. Man verspricht, was die Leute hören wollen. Da treten dann Populisten mit den Parolen der Straße an und finden viel Aufmerksamkeit. Die französischen Rechtspopulisten haben jetzt den Slogan: „Im Namen des Volkes.“ Das darf ein ordentliches Gericht sagen, aber nicht ein brauner Straßenkehrer. Sorry, Madame Le Pen: Sie nicht! Auch in deutschen Landen versucht man, Nazivokabular wieder gesellschaftsfähig zu machen. Ich weiß aber aus den Geschichtsbüchern, dass jene, die früher das „Völkische“ wollten, anschließend die „Un-Völkischen“ in Vernichtungslager geschickt haben.

Einige der Figuren, die der Populismus hier links wie rechts hochspült, gefallen mir ganz und gar nicht. Mein Vorschlag: Lassen Sie uns nach den Personen hinter den Parolen fragen. Das ist ein bürgerlicher Standpunkt, das räume ich gern ein. Meine Frau Mama hat immer gesagt: „Trau, schau, wem!“ Wegen der eigenartigen Kurzform war mir das als Kind immer ein Rätsel. Heute weiß ich, es kommt aus dem Lateinischen „Fide, sed cui, vide“. In ausführlicher und deutscher Form: Vertraue ruhig, aber schaue bitte, wem Du vertraust.

Man könnte das für die Politik in die Aufforderung abwandeln, den Parteien ruhig Vertrauen entgegenzubringen, aber bitte genau hinzusehen, welchen Menschen man da vertraut. Hinter dem großen Max das kleine Mäxchen suchen. Kann man das? Ja, man kann. Der Berliner Abgeordnete der Piratenpartei war nicht nur ein bunter Vogel, sondern erkennbar wirr. Die Beispiele für seine aufbrausende Art sind Legion. Und er hat im Parlament seinen Tod angekündigt, vom Podium aus. Man werde hier demnächst für ihn eine Schweigeminute halten müssen. Am meisten aber irritiert mich, dass er seine wechselvollen Gemütszustände immer mit der ganzen Welt teilte. Man kann das heute über die Sozialen Medien im Internet nachverfolgen.

Auf Twitter breitete er sich über seine tragische Liebschaft mit dem jungen Opfer („Wuschelkopf“) offen aus und klagte über Tage der Depression (im Jargon der Twitter-Freunde: „Kacktage“). Das konnte jedermann lesen. Sein Opfer soll ein ehemaliger Mitarbeiter sein, der ihn schon vor einiger Zeit wegen Stalking (das ist eine zwanghafte Verfolgung von Menschen, die das nicht wollen) angezeigt hatte. Die Justiz war informiert.

Was will ich mit all den Einzelheiten sagen? Man hätte früher skeptisch werden können und fragen müssen, welch ein Mensch steckt hinter den Parolen und den Posen? Der Berliner Fall ist nicht zu verallgemeinern, aber diese Frage nach dem Charakter gilt für alle Parteien.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 26.09.16)

Zurück