Sie wollen ihren alten Kaiser wieder

Kindheitserinnerungen. So etwas haben nur alte Menschen. Das hat medizinische Gründe. Man verliert im Alter offensichtlich zunehmend das Kurzzeitgedächtnis. „Wo zum Teufel ist meine Brille?“, mault der Opa. Und die Oma antwortet: „Da, wo du sie hingelegt hast!“ Das sind die Momente, in denen Opa mittels Brotmesser und einer verwegenen Tat zum Witwer werden könnte.

Im Gegenzug zu den sanften Anfängen der Demenz verbessert sich das Langzeitgedächtnis. Es fallen einem Dinge aus der frühen Kindheit ein, die man längst vergessen glaubte. Dann erzählt der Urgroßvater vom Krieg. Er glorifiziert dabei und gewinnt dem Elend der frühen Jahre manches Nette ab. Das ist nicht böse gemeint. Die Krankheiten und die Kriege, das sind die Abenteuer der kleinen Leute. Leider waren sie dabei meist die Opfer.

Mein Vater hat das Glück, dass der Herrgott ihn älter als 90 hat werden lassen und ihn noch immer bei guter Laune hält. Oder er sich. Er erzählt oft von meinen Großvätern, und ich erinnere mich an meine Kinderzeit, in der ich beide als Steppke noch habe erleben dürfen. Beide waren gestandene Bergleute. Der eine war Royalist und mächtig stolz darauf, im Regiment seines Kaisers in Berlin-Charlottenburg gedient zu haben. Der andere war Kommunist und schon als junger Mann wegen eines Arbeitsunfalls unter Tage Knappschaftsrentner. Er nannte den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, daran erinnere ich mich gut, liebevoll Teddy.

Ich habe die Erinnerungen an die Weimarer Republik also aus zwei Perspektiven erleben dürfen, der kaisertreuen und der kommunistischen. Ein wichtiger Punkt im politischen Erleben beider war das Abdanken des deutschen Kaisers Wilhelm II. und sein schmachvolles Verschwinden ins holländische Exil. Der Spottgesang „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“ meinte den Großvater Wilhelms II., nämlich Wilhelm I. (der mit dem langen Bart). Ich habe meine Großväter das Lied singen hören. Der eine mit Häme, der andere mit Wehmut. Vieles, was heute von den Wutbürgern an politischer Nostalgie geäußert wird, erinnert mich an das Kaiserlied.

Die Affenliebe zu einer Person als Staatsoberhaupt ist den Deutschen bis heute geblieben. Wir sind nur widerwillig Verfassungspatrioten. Und schon gar nicht leuchtet uns ein, dass das Parlament das wichtigste Organ der Verfassung ist. Gemäß der Gewaltenteilung in allen modernen Verfassungen ist das so. Der Berliner Meinungsforscher Manfred Güllner, der Gründungsvater der modernen Demoskopie, hat sich mit diesem Phänomen beschäftigt. Bei ihm sauge ich Nektar. Zwei Drittel der Deutschen haben zum Amt des Bundespräsidenten großes Vertrauen, aber nur die Hälfte zum Bundestag.

Noch schlimmer ist dies unter den Nichtwählern. Von den Wahlverweigerern haben immerhin noch 60 Prozent großes Vertrauen in das Staatsoberhaupt, aber nur ein Drittel, schlappe 34 Prozent, in das Parlament. Warum lieben wir unsere Verfassung nicht? Ich lasse mal eine Katze aus dem Sack: Schuld daran sind die Ossis. Mit dem Demokratieverständnis des Grundgesetzes sind in den alten Bundesländern zwei Drittel aller Menschen zufrieden, im Osten ist es nur die Hälfte. Die andere Hälfte ist noch nicht im Westen angekommen.

Kann das sein? Na ja, mit der konkreten Politik sind im Osten 84 Prozent unzufrieden, aber im Westen ebenfalls 76 Prozent. Das Grundgesetz ist nicht beliebt, die konkrete Politik bekommt das, was man im Fußball die Arschkarte nennt. Hüben wie drüben. Und das ist nicht nur ein gesamtdeutsches Phänomen; es ist vor allem ein typisch deutsches.

Man sieht das im europäischen Vergleich an der Entwicklung der Nichtwähler. Seit 1983 hat die Rate der Nichtwähler bei uns um 18 Prozent zugenommen, nur bei uns. In den Niederlanden um 6 Prozent und in Dänemark oder der Schweiz um einen halben Prozentpunkt. Es ist etwas faul im Staate Dänemark, heißt es bei dem englischen Dichter Shakespeare. In Wirklichkeit ist etwas faul im Staate Deutschland. Die Wahlverweigerung ist in den vergangenen 30 Jahren von 12 Prozent auf 29 Prozent gestiegen. Das sind die Werte für die alten Bundesländer. Im Osten waren 1990 27 Prozent der Wahlberechtigten Nichtwähler und zehn Jahre später sind es 36 Prozent. Tendenz steigend.

Haben wir mit der Ossi-Schelte die richtige Katze aus dem Sack gelassen? Nein, ein Vorurteil. Das sieht, wer im Westen in die Länder und in die Gemeinden schaut. Bei den Kommunalwahlen in Hessen stieg die Quote der Nichtwähler in 30 Jahren von 25 auf 50 Prozent. Und Hessen liegt nicht im Osten, jedenfalls nicht ganz. Für Nordhessen ist die Frage noch nicht abschließend geklärt. In der Stadt Frankfurt (am Main, nicht die an der Oder) verweigerte sich 1981 ein Drittel der Wahlberechtigten und ging nicht zur Wahl. 2011 waren es schon 60 Prozent. Auch der Wessi ist ein schlapper Patriot.

Die Zukunft könnte darin liegen, dass man wieder mehr direkte Demokratie erlaubt, schreiben mir viele Leser dieser Zeitung. Und sie loben Länder, in denen der Präsident vom Volk direkt gewählt wird. Es gibt eine Stimmung gegen den Parlamentarismus und zugunsten von Volkstribunen. Ich wäre darüber nicht so irritiert, wenn nicht genau diese Stimmen auch ihren Zorn über Angela Merkel formulierten, die sie für eine präsidial agierende Volksverräterin halten.

Einerseits will man eine allseits geliebte Autorität direkt wählen und dann tüchtig herrschen lassen. Andererseits soll jedes Projekt, und sei es nur ein Autobahnparkplatz, in Volksabstimmungen dem Plebiszit unterworfen werden. Ein autoritäres Regime der guten alten Zeit mit grünalternativen Volksabstimmungen, das ist der Wutbürger-Traum. Es wäre so etwas wie die Schweiz als Königreich. Wilhelm Tell rotiert im Grab. Diese Wutbürger-Utopie von der volksbestimmten Präsidialdemokratie ist ein Widerspruch in sich. Deshalb jetzt mal Butter bei die Fische: Wollen wir wirklich unseren alten

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 16.01.17)

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