Sie behandeln uns wie Kinder

Es gibt nichts Schlaueres, finde ich als studierter Philosoph, als die Sendungen des Kinderfernsehens. Die Sendung mit der Maus, das war immer schlauer als Panorama. Sesamstraße: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Ja! Und jetzt: Wissen macht Ah. Hier erfährt man, was Sache ist.

In den politischen Magazinen und den Nachrichtensendungen vermisse ich das. Aber das stört die Politik selbst am allerwenigsten. Was Merkel macht, sagt Merkel, sei alternativlos. Na dann. Was wollen wir da noch räsonieren?

Das Berliner Regime ist nicht nur unwillig zu diskutieren, es ist sprachlos. Ihm sind die guten Geschichten ausgegangen. Aufklärung geht anders. In England nennen sie das „post-truth-democracy“, die Demokratie nach dem Ende des Wahrheitswillens. Aber wer will schon belehrt, sprich aufgeklärt, werden?

Aufklärung. Der Begriff hatte früher, sagen wir vor gut einem halben Jahrhundert, für Kinder und Jugendliche eine eigenartige Bedeutung. Aufgeklärt wurde man von seinen Eltern am Rande der Pubertät. Dann druckste die Mama mit rotem Kopf herum, während sich der Herr Papa schon vorsichtshalber in den Werkkeller verdrückt hatte, damit das Peinliche nicht an ihm hängenblieb. Mütter gaben dann ihren Infanten zur Kenntnis, dass der Klapperstorch gar nicht die Babys bringe. Es war viel von den Bienen und den Blümchen und dem Gang der Natur die Rede. In der Regel wurde der Zeitpunkt für diese Aufklärung so spät gewählt, dass die Mädchen schon regelmäßig ihre Menstruation hatten und die Jungen einige Übung im Handwerklichen.

Das war meine Kinderzeit. Es waren bigotte Zustände mit einer wirklich verklemmten Sexualmoral. Man kaufte sich als Heranwachsender am Kiosk heimlich die Jugendzeitschrift „BRAVO“, in der ein berühmter Dr. Sommer Fragen zum Geschlechtsleben beantwortete. Übrigens mit einigem Humor und einer Bereitschaft zum Praktischen. Ungewollte Schwangerschaften im Kindesalter waren die übelste Konsequenz der mangelhaften Aufklärung.

Für die Jugend von heute, die in der Schule frank und frei in Sexualkunde unterrichtet wird, sind diese Verklemmungen in den vorausgegangenen Generationen kaum noch vorstellbar. Ohnehin können die Kids im Internet heute alles sehen, auch das Unangebrachte bis hin zu harter Pornografie.

Die guten alten Zeiten waren autoritär. Das meint nicht, dass ein böser Mann brutal seinen Willen durchzusetzen suchte. Das mag es auch gegeben haben. Nein, sie waren autoritär, weil Kinder schlicht nicht ernstgenommen wurden. Frauen eigentlich auch nicht. Das war der Mief der Nachkriegsjahre, das Gehabe vermeintlich schlauer Männer.

Von der Politik sollten wir auch Aufklärung erwarten können. Nicht unser Triebleben stünde hier zur Erläuterung an, sondern das Gemeinwesen, der Staat. Wenn man als Volk Führung delegiert, und das tun wir in einer Demokratie, dann will man von den Mächtigen schon wissen, wo die Reise hingeht. Und genau das verweigert die Berliner Republik. Sie behandelt uns wie Kinder. Das ist es, was mich am Merkel-Satz („Wir schaffen das!“) so frustriert. Die Frau redet mit mir wie mit einem kranken Kind, das dringend Trost braucht, aber für die Wahrheit noch zu dumm ist. Ich erinnere mich an meine Mutter, die mir als kleinem Jungen weisgemacht hat, ich solle immer abends Zucker auf die Fensterbank legen, das locke den Klapperstorch an. Und eines Tages war sie ihren dicken Bauch los und meine Schwester da. Ich bin bis heute wütend darüber, dass ich so doof war, diesen Quatsch zu glauben. Der Vizekanzler ist in der Frage nicht besser. Aber man kann noch katastrophaler als Merkel sein.

Reden wir von Thomas de Maizière, dem Bundesinnenminister. Man sieht dem Mann selbst im Fernsehen an, dass er es am Magen hat. Seine Gesichtsfarbe hat das edle Grau von Waschbeton. Seine Anzüge sitzen schlecht. Der Mann fühlt sich in seiner eigenen Haut nicht wohl. Aber werden wir wesentlich: Angesichts einer Anti-Terror-Aktion in Hannover hat er gesagt, er könne zu den Hintergründen nichts sagen, da Teile seiner Antwort die Bevölkerung irritieren würden. Da ist sie wieder, diese Arroganz der Funktionseliten. Das Volk ist für die Aufklärung noch nicht reif. In der Politik bringt der Klapperstorch die Babys. Und wen macht das groß? Die AfD, Deutschlands Rechtspopulisten. Man kann die Uhr danach stellen, wann deren Vorsitzende Frauke Petry ein Ministerium für Volksaufklärung fordern wird. So hieß im Dritten Reich zwar schon das Ministerium des Propagandachefs von Adolf Hitler, Joseph Goebbels, aber man sollte die Dinge nicht so verkniffen sehen, finden die neuen Rechtspopulisten. Weil völkisch ja auch das Eigenschaftswort zu Volk sei, sagt Frau Petry.

Und genau zu diesem Unsinn hätte ich gerne Merkel und Gabriel gehört. Ausführlich argumentierend. Den Wähler wie einen Erwachsenen behandelnd.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 22.09.16)

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