Recht haben und behalten

Dieser Tage habe ich bei meiner Berliner Schneiderin einen berühmten Politiker getroffen. Meine türkische Änderungsschneiderin nimmt neben den zu langen Hosen und den fehlenden Knöpfen auch Reinigungsdinge an und Schuhe zum Besohlen. Ihre Werkstatt liegt neben einem Straßencafé und einer Eisdiele, direkt am Knast Moabit. Viel Publikum. Ich bin oft dort und ich mag sie. Sie mag mich wohl auch. Und ich bin es gewohnt, dass sie mich mit Namen begrüßt. Sie ruft, kaum, dass ich den Laden betrete, laut und für jedermann vernehmlich: „Herr Koks, schön, dass Sie da sind!“ Sie ruft dann ihre Mutter aus dem Hinterzimmer: „Mama, der Koks ist da!“ Man freut sich an einander. „Wann bistu wieder Fernsehen, Herr Koks? Machstu nicht mehr Illner, Herr Koks?“ So geht das auf dem Berliner Kiez.

Nun ist Koks auch ein in Berlin beliebtes Rauschmittel, sodass sich oft die Köpfe der Passanten drehen, wenn ich so begrüßt werde. Diesmal schaut der Herr vor mir irritiert. Und ich sehe, es ist Herr Bosbach, der Bundestagsabgeordnetete der CDU aus Bergisch-Gladbach. Ich grüße ihn, er lächelt gütig. Herr Bosbach gibt seinen Anzug in die Reinigung, ansonsten hat er das Amt des sanften Merkel-Kritikers. Er hat immer eine Meinung, und zwar eine leicht abweichende. Bosbach ist ein Mini-Dissident; so nennt man Menschen, die zwar einem Lager angehören, aber eben nur halb. Solche sanften Abweichler sind beliebt. Sie erzählen denselben Sch… wie die anderen, aber eben interessanter. Darf man an dieser Stelle das Wort mit „Sch…“ benutzen? Man darf. Weil der damalige Chef des Bundeskanzleramtes, Herr Pofalla, zu Bosbach im Zorn über dessen sanftes Abweichlertum gesagt hat: „Wolfgang, du immer mit deinem Sch….“

Man trifft Leute in Berlin. Im Café Einstein auf der Straße namens „Unter den Linden“ sitzt Herr Broder. Er ist Publizist und isst hier zum Frühstück ostentativ Schinken. Was an Kochschinken eine Nachricht ist? Nun, Henryk Broder ist Jude und der Schinken natürlich Schweinefleisch. Das ist aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass alles, was Herr Broder macht, er ostentativ macht. Immer mit großer Geste. Ich habe ihn mal gemocht, dann ging er mir mit seinem Hang zu großen Gesten irgendwann auf den Geist. Broder ist, anders als Bosbach, nicht sanft. Er ist am liebsten grob. Ich habe ihm mal vorgeworfen, dass er immer überzieht. Wissen Sie, was er darauf antwortet? „Das stimmt.“ Entwaffnend offen ist er auch noch. Ich will jetzt hier nicht erzählen, welche Witze Herr Broder über meinen Nachnamen macht. Da ist er nicht origineller als meine türkischstämmige Schneiderin. Es geht um Broders Amt in der Berliner Republik. Wenn ich Broder in einer Talkshow sitzen sehe und es geht um politische Halbwahrheiten oder Dinge der Höflichkeit, dann weiß ich, was er machen wird: Er bemüht brutale Wahrheiten bis an die Schmerzgrenze. Und darüber hinaus. Broder ist ein grober Abweichler. Das ist sein Amt.

Es gibt Amtsinhaber, die Ämter haben, die es eigentlich gar nicht gibt. Jedenfalls, wenn es um Einstellungen oder Meinungen geht. Das hängt mit den Rollen zusammen, die die Medien vergeben. In den notorischen Gesprächsrunden des Fernsehens, Talkshows genannt, sitzen eben nicht irgendwelche Menschen, die eine interessante Auffassung haben, mit der sie uns überraschen wollen. Und wir, die Zuschauer, sitzen eben nicht vor der Glotze und sind wie vom Schlag gerührt: Potzblitz, so habe ich das ja noch nie gesehen. Wir rufen eben nicht aus heiterem Himmel: „Ich hatte unrecht. Der Mann hat recht! Ich habe mich geirrt. Die Frau ist genial!“ Nein, wir lieben keine Überraschungen. No surprises, so heißt die Parole. In den Talkshows sitzen Rolleninhaber, die genau das sagen, was wir von ihnen erwarten. Was die Meinungen angeht, haben wir eben keine Sensationsberichterstattung, sondern Rollenprosa. Ich sehe in der Rolle der bösen alten Frau Alice Schwarzer bei Frau Maischberger sitzen, es geht thematisch um übergriffige Männer, und ich weiß, was die Befindlichkeits-Tante fragen wird und die Emanze Schwarzer antworten.

No surprises. Bitte bestätigt meine Vorurteile, dafür zahle ich schließlich Gebühren, so lautet das Credo des Fernsehzuschauers. Ich sollte bei Talkshows den Mund nicht zu voll nehmen, da ich selbst mal eine erfunden habe, die dann als Flop vom ZDF eingestellt wurde. Das Philosophische Quartett mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski war mal meine Idee, die mein damaliger Arbeitgeber unterstützt hat. Diese Fernsehsendung konnte nicht funktionieren, weil die Herrschaften nicht bereit waren, die Vorurteile des Publikums zu bedienen. Dauernd wurde etwas gesagt, womit die Leute nicht gerechnet hatten. So geht das halt nicht. Die Zuschauer finden eine Sendung dann unverständlich. Und der Moderator mit den wirren Haaren erscheint als Wirrkopf. Das haut auf die Quote, weil die Leute zum Kühlschrank gehen oder aufs Klo und/oder umschalten. Bei Maischberger passiert so was nämlich nicht.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Sloterdijk, in dem er sich über einen Vortrag aufregte, den der Soziologe Ulrich Beck gehalten hatte. Er nannte den Vortragenden einen „Virtuosen der vagen Rede“, der es vorziehe, lieber im Ungefähren recht zu behalten, als im Konkreten zu irren. Ein Virtuose des Vagen, das ist, was wir im Westerwald einen Schwätzer nennen. Aber langsam. Sloterdijk hat das Amt des „berühmtesten deutschen Philosophen“. Das ist ja was. Aus ihm spricht der Zeitgeist. Und eine Virtuosin des Vagen, das ist Angela Merkel.

Warum legt die Bundeskanzlerin sich nicht fest? Nun, sie hat das Amt des Rechtbehaltens. In diesem Amt müssen Sie sehr vorsichtig sein mit dem, was Sie sagen. Man könnte sonst eines Morgens wach werden und als Idiot dastehen. Das ist ja das Geheimnis des Satzes „Wir schaffen das!“ Er hat eine Fortsetzung, die nicht ausgesprochen wird. Eigentlich lautet er: „Wir schaffen das, egal wie.“ In der Lehre von der Redekunst, Rhetorik genannt, nennt man solche Sätze Ellipsen. Eine Ellipse sagt ein bisschen was, lässt dabei aber das Wesentliche aus. Das darf sich der Zuhörer dazu denken. Wo der Vorteil der Ellipse liegt? Nun, der Redner kann für nichts verantwortlich gemacht werden. Der Satz „Wir schaffen das, egal wie!“ bleibt immer richtig.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 06.08.16)

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