Parteien sind Schlangengruben

Die Steigerung von Feind sei nicht Todfeind, sondern Parteifreund. Dies ist im Berliner Politikbetrieb ein geflügeltes Wort. Den Laien wundert das. Man glaubt ja gerne, dass die unterschiedlichen Parteien miteinander im Streit liegen. Besonders in Zeiten des Wahlkampfes wird man gelegentlich Zeuge, wie wohlerzogene Leute unterschiedlicher Couleur ausrasten. Da wird dann auf einen groben Klotz schon mal ein grober Keil gesetzt. Das gehört zur Debattenkultur. Der Ton hat sich durch die 68er Generation verschärft. Ich werde nie vergessen, wie 1984 der junge Abgeordnete Joschka Fischer (Grüne) den Bundestagsvizepräsidenten Stücklen (CSU) mit einem klaren Satz adressierte: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind eine Arschloch.“

Das Problem sind zunächst natürlich die politischen und kulturellen Lager, heute Milieus genannt. Ob jemand rechts oder links ist, ein frommer Katholik oder loser Atheist, aus der Gewerkschaft in Wattenscheid kommt oder dem Kloster in Oberammergau, das macht schon was aus. Der Wettbewerb zwischen den Parteien ist halt auch eine Konkurrenz der Politiker untereinander. Aber dafür haben wir als Wähler ja Verständnis, wenn die Roten nicht mit den Schwarzen können oder umgekehrt. Und es gibt die Ausnahme von der Regel, Freundschaften über die Parteiengrenze hinweg. Die grüne Claudia Roth versteht sich sehr gut mit Günther Beckstein (CSU). Ich mag den evangelischen Franken Beckstein und verzeihe ihm diese Neigung. Wundern tut es mich aber schon. Na ja, wo die Liebe hinfällt.

Ich habe mein berufliches Leben in der Wirtschaft verbracht. Immer ist es mir gelungen, wenn ich mal wieder meinen Job wechseln musste, einige der alten Kollegen im Herzen zu behalten. Nicht alle, aber einige. In der letzten Woche war ich mit einer Dame essen, die vor 30 Jahren meine Buchhalterin war. Wir haben von den alten Zeiten geschwärmt. Und ich hatte das Gefühl, dass wir Freunde geblieben sind. Ein gutes Gefühl. Das gibt es in der Politik nicht. Jedenfalls nicht in den Parteien. Sie sind Schlangengruben.

Neben dem Wettbewerb der Parteien untereinander gibt es nämlich, das ist heute unser Thema, die Konkurrenz der Politiker innerhalb ihrer Partei. Im internen Kampf kommen noch gröbere Keile zur Anwendung als nach außen, erzählt man mir. Mein Freund Willi (Nachname bekannt, aber verschwiegen) kommt aus dem Rheinland und drückt sich in breitem Rheinisch so aus: „In der Partei und der Frackzion da is nisch Kriesch. Da ist totaler Kriesch, noch viel totaler als …“ Wir wollen das Zitat abbrechen, weil es politisch wirklich nicht korrekt ist. Aber dem rheinischen Humor, dem kann man ja nichts übelnehmen, nicht mal ein Goebbels-Zitat. Präziser formuliert ist die Sache so: Zwischen den Politikern unterschiedlicher Parteien gibt es Gegnerschaften. Gegnerische Parteifreunde sind aber sehr schnell erbitterte Feinde. Deshalb das böse Wort von dem Parteifreund, der schlimmer ist als der Erzfeind. Wie kommt das?

Die erste Antwort ist Rosenkrieg. Menschen, die sich zu gut kennen, sind zu Grausamkeiten in der Lage, die Fremden gar nicht einfallen würden. Jeder Scheidungsanwalt kann davon berichten. Bevor der Rosenkrieg so richtig ausbricht, gibt es die Phase der freundschaftlichen Stichelei. Ich berichte eine, die ich gerade erlebt habe. Vizekanzler Gabriel erwähnt in einer Rede vor Wirtschaftsvertretern in einem vornehmen Berliner Hotel die Notwendigkeit, mehr in Bildung zu investieren. Er kommt auf die Verwahrlosung, in der sich heute viele Schulen befinden, zu sprechen und sagt: „Gehen Sie heute mal in eine Vorstadtschule, ein Trauerspiel. Bei meiner Einschulung war das Gebäude nagelneu. Und die Sanitäranlagen dort waren besser als zu Hause.“ Darauf raunzt aus der ersten Reihe sein Parteifreund Gerd Schröder laut in den Saal. „Ja, bei euch in Goslar!“ Gabriel muss den Schlag auf die Rippen einstecken. Er stammt aus einfachen Verhältnissen; darauf hebt Schröder ab.

Nett war das nicht. Und auch der Bundeskanzler a. D. ist ein sozialer Aufsteiger. Ich treffe Gabriel danach im Zug und frage ihn, ob er das unfair fand. „Ach“, sagt er, „ich freue mich, dass es Gerd gut geht.“ Ein wenig Bitterkeit schwang dabei mit. Seine Erfahrungen mit diesem Genossen sind durchaus zwiespältig.

Was die CDU-Leute nach dem Wahldebakel in Meck-Pomm über Frau Merkel erzählen, will ich hier gar nicht wiederholen. Da ist so viel dumm Frauenfeindliches. Und abgestandene Vorurteile über Ossis. Und Häme über „Kohls Mädchen“, das in der DDR bei der FDJ war. Kanzlerdämmerung, und die Nager der Nacht trauen sich aus ihren Hinterhalten. Da möchte ich nicht mitmachen. Da ist Horst Seehofer, ihr Kritiker aus Bayern, fast noch fair.

Im Journalismus gibt es die Lebensweisheit, nach der man eine Geschichte gegen Coca-Cola am besten dadurch recherchiert, dass man bei Pepsi anruft; man nutzt die Missgunst der Konkurrenz aus. In der Parteipolitik gilt das Motto nicht. Wer etwas Hässliches über Angela Merkel wissen will, der frage CDU-Leute, die nicht geworden sind, was sie werden wollten, und nun eine Faust in der Tasche machen.

Wer Böses aus der Links-Partei wissen möchte, darf sich gern im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin melden. Hier erfahre ich, wer die Freundin des Fraktionsvorsitzenden sein soll. Ich kenne sie, eine sehr attraktive Frau. Und von den Grünen erzählt mir jemand, dass Cem Özdemir, der Hoffnungsträger, ein Botox-Nutzer sei, jenes kosmetischen Gifts, mit dem man in Hollywood das Antlitz strafft. Auch gemein.

Damit bin ich bei einem persönlichen Bekenntnis. Mein ganzes Leben schon interessiert mich Politik. Und doch war ich nie in Versuchung, selbst in die Politik zu gehen. Undank ist der Welten Lohn. Das stört mich nicht. Damit kann man leben. Aber dass der eigene Laden eine solche Schlangengrube ist, das ist mir dann doch zu viel.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 09.09.16)

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