Merkels schottische Schwester

Angela Merkel hat eine Schwester. Sie heißt Nicola und ist neuerdings in allem, da bin ich sicher, das große Vorbild der Kanzlerin. Aber nicht nur Angie träumt von ihr. Auch der Horst wird nachts wach und stöhnt: „Nicola, wie machst du das nur?“

Nicola ist ihrer Schwester Angela wie aus dem Gesicht geschnitten, und sie hat lange beim selben Schneider arbeiten lassen. In den bösen Worten schlecht gelaunter und neidischer Männer waren Angela und Nicola „ugly girls“, zu Deutsch „hässliche Mädchen“ oder Blaustrümpfe. Das änderte sich erst, als Nicola vom braunen Schopf auf den blonden umstieg. Prompt behaupteten die missgünstigen Männer, sie trüge eine Perücke. Nicola ist die erfolgreichste Politikerin Europas.

Geschätzte Leser, heute berichte ich nicht aus der deutschen Hauptstadt, sondern der Schottlands. Ich bin im Urlaub und weile in dem wunderbaren Edinburgh. Gestern waren wir in einem Lokal in einer Fabrikhalle essen, das bei Journalisten und Politikern sehr beliebt ist. An der Bar muss man auf seinen Tisch warten, und dabei gerate ich mit meinem Gastgeber in eine Diskussion, an der sich bald die halbe Schlange erregt beteiligt. Thema ist Nationalismus. Damit hat man als Deutscher ja so seine Probleme. In Schottland wird Patriotismus gepriesen. Meine Nackenhaare gehen hoch. Es geht um die Schottische National Partei SNP. Diese Partei kann etwas, das in Europa einmalig ist. Sie allein erzielt deutlich mehr als 50 Prozent der Stimmen und erhält immer weit mehr als die Hälfte der Parlamentssitze. Das konnte historisch in Europa nur eine andere moderne Volkspartei, die CSU in Bayern.

Ob die CSU des Horst Seehofer noch eine Volkspartei der absoluten Mehrheiten ist, das macht dem Horst Sorgen. Und Angela Merkel schaut bekümmert auf Nicola Sturgeon, die Vorsitzende der schottischen Erfolgspartei. Sturgeon kann, was Merkel fehlt, Mehrheiten aus eigener Kraft. Die Schotten grenzen sich in ihrem Nationalgefühl von den Engländern ab. Sie wollen unabhängig sein. Das Britische hat keine gute Presse in Schottland. Entsprechend schlecht war lange Zeit die Presse jener Frau, die heute hier unangefochten Ministerpräsidentin ist. Sie sei unförmig, trage Säcke statt Kleidern und orthopädisches Schuhwerk, so stand das da zu lesen. Über eine Frau, die zugleich „the most dangerous woman in Britain“ genannt wurde. Aber jetzt kommt es: Es hieß, sie entstamme der „Angela Merkel School of Leadership“. Das Aschenputtel-Syndrom.

Lässt man die Anzüglichkeiten über Aussehen und Auftreten beiseite, so gibt es viele inhaltliche Parallelen zwischen beiden Politikerinnen. Sie werden im Windschatten autoritärer Männer groß und treten irgendwann aus deren Schatten heraus. Bis dahin galt ihr Image als „guarded and stern“, vorsichtig und zurückhaltend. Sie sind frei von männlicher Eitelkeit, sprich Prahlsucht. Hinter ihrer Bescheidenheit verbirgt sich aber unbedingter Machtwillen. Das macht sie gefährlich für ihre Konkurrenten und liebenswert bei solchen Wählern, denen das präpotente Prahlen der ewigen Gockel längst auf den Geist geht. Das hat Nicola als die kleine Schwester von Angela gelernt.

Jetzt aber dreht sich die Altershierarchie um. In der Politik geht das. Nicola wird die große, Angela die kleine Schwester. Frau Sturgeon bringt es allein auf absolute Mehrheiten. Das wagt Frau Merkel nicht mehr zu hoffen. Selbst der Horst packt das nicht mehr.

Was können die Schotten, was die Bayern nicht können? Warum wird Nicola das Idol Angelas? Durch den Griff ins Ungeheuerliche. In Deutschland wagt das nur die CSU noch zu denken, aber eben auch nicht mehr umzusetzen. Man öffnet die Büchse der Pandora, auf der Nation steht. Die SNP hat das Thema Nationalismus besetzt, indem sie einen neuen Nationalismus erfunden hat. Man denkt dabei, das ist die Sensation, nicht rassistisch, sondern zivilgesellschaftlich. Der „civic nationalism“ fragt nicht nach Geburt oder Herkunft, sondern nach Lebensort und Lebensgefühl. Schotte ist, wer schottisch fühlt. Und das ist das Gegenteil von einem britischen Lebensgefühl. Hier wird ein neuer Alltagsmythos geschaffen, der so tut, als sei er historischer Natur. Aber die schottische Geschichte ist dünn, von Fehden der Clans abgesehen. Der zivilgesellschaftliche Nationalismus ist eher sozialdemokratisch als konservativ, und er ist europafreundlich. Die Briten mögen die EU verlassen wollen, die Schotten bleiben. Einen solchen Nationalstolz hat Angela Merkel an die Rechtspopulisten verschenkt. Sie trägt keine Welle mehr, die man patriotisch nennen könnte. Im Ideenklau bei den Sozis steht sie den Schotten, die sich diebisch bei der Labour Party bedienen, in nichts nach, aber die Beliebtheit beim Volk sinkt.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 18.08.16)

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