Man glaubt jenen stärker, die man mag

Wer gibt schon gern zu, dass er Unrecht hatte? Irren mag ja menschlich sein, aber nicht männlich. Ein gewachsener Charakter, der ändert nicht einfach so mir nichts, dir nichts seine Meinung. Insbesondere ein studierter Kopf, der ist klug und weise. Das hat meine Frau Mutter immer gern geträllert: „Ich bin klug und weise. Mich betrügt man nicht.“ Soll aus der Oper „Zar und Zimmermann“ sein. Meine Mama meinte das ironisch. Sie machte sich damit über Männer lustig, die schon immer alles besser wussten. Meist war damit mein Vater gemeint, dem es in Meinungsdingen nicht an Entschiedenheit fehlt. Bis heute.

Zu meinen politischen Irrtümern gehört die Ablehnung der Agenda-Politik der Regierung Schröder. Ich habe sie seinerzeit für falsch gehalten. Ich hatte damit, das sage ich heute, schlicht Unrecht. Die Agenda 2010 hat unserem Land genützt und eine große soziale und wirtschaftliche Verbesserung gebracht. Wir hatten fünf Millionen Arbeitslose. Die Zahl ist halbiert. Wenn ich Schröder mal wieder sehen sollte, werde ich es ihm sagen, obwohl ich sein Wolfsgrinsen schon jetzt vor mir sehe.

Warum ich damals so danebenlag? Der Namensgeber Peter Hartz war ein Kollege von mir, und ich hatte eine gewisse innere Distanz zu ihm entwickelt. Das war persönlich. Politisch lag er richtig und ich falsch.

Wenn ich heute höre, dass der SPD-Kanzlerkandidat die gleichen altbekannten Vorurteile bedient, von denen ich mittlerweile weiß, dass sie Unsinn waren, bin ich besorgt. Da irrt der Maddin. Er spielt die populistische Karte, weil er sich davon Stimmen verspricht. Alle Gesprächspartner, die ich in Berlin treffe, sind skeptisch. Stimmungen in Stimmen umzumünzen, das ist eigentlich die Methode Merkel. Ob der Maddin so gegen Muddi punkten kann und sie als Kanzler ablöst, das ist nicht sicher. Immerhin hat er die SPD aus dem Tal der Tränen geholt. Seine Freunde raunen aber nun: „Wenn er jetzt nur keinen Fehler macht.“ Ein solcher Fehler wäre die Ankündigung von Steuererhöhungen, für welche Wohltaten auch immer.

Zu den notorischen Fehlern, die ein Sozi machen kann, gehört eine Methode, die man in England „tax 'n' spend“ nennt. Damit ist das Wohltatenverteilen auf Kosten anderer Leute gemeint. Oder gütige Gaben an die Armen auf Kosten der Reichen. Weil am Ende jedermann zur Kasse gebeten wird.

Dem Staat laufen zurzeit die Steuern aus den Ohren; die Kassen sind voll. Wer jetzt die Steuern erhöhen will, führt Klassenkampf. Ein Beispiel wird in Berlin immer wieder genannt: die Vermögensteuer. Wenn reiche Leute ein Vermögen gebildet haben, egal wie groß, und es aus versteuertem Geld stammt, dann hat der Staat sein Recht verloren. Sollte von den Krösussen nicht ordnungsgemäß versteuert worden sein, kann die Justiz gern zuschlagen. Ab zum Aderlass und dann vor Gericht. Aber wenn jemand ein guter Staatsbürger war und seine Steuern gezahlt hat, warum sollte der noch mal zur Kasse gebeten werden dürfen?

In der Links-Partei gibt es genug gelernte Kommunisten, die mein Argument der Doppelbesteuerung nicht gelten lassen. Sie erzählen mir Geschichten von sozialer Ungleichheit. Die gibt es, klar. Das Experiment mit dem Volkseigentum ist mit der DDR krachend gescheitert. Ich verstehe die Links-Partei gar nicht; sie war doch über ihre Vorgängerin SED an dem Niedergang selbst beteiligt. Heute redet man sozialdemokratischer. Da klingt für mich dann immer noch mehr Marx durch, als der Maddin gelten lassen kann. Wenn nun aber nach der Wahl eine Koalition von Linken und Sozialdemokraten sowie Grünen (R2G) kommen soll, dann wird die Versuchung größer, eine Umverteilung von oben nach unten einzuleiten. Wenn sich das abzeichnet, sagen mir viele alte Hasen in Berlin, hat Muddi noch eine Chance.

Politische Urteile sind deshalb so unsicher, weil sich das persönliche Empfinden vor die sachliche Analyse schieben kann. Man glaubt jene stärker im Recht, die man mag. Und zweifelt deutlicher an jenen, die einem nicht so gut gefallen. Ich bin daher im Zweifel, woher meine Skepsis gegenüber Martin Schulz kommt. Vielleicht ist es wie bei der Agenda 2010 nur persönliche Voreingenommenheit. Ich mag den Kerl nicht. Vielleicht irre ich deshalb erneut. Ma waas et net.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 03.03.17)

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