Licht in die Halbwelt bringen

Schadenfreude ist die schönste Freude. Dieser Satz gilt wohl auf der ganzen Welt, in Berlin gilt er gleich doppelt. Der ehemalige Oberbürgermeister der Metropole, am Ort Regierender genannt, hat vom höchsten deutschen Gericht eine Klatsche bekommen. Es ging dabei um sein angebliches Recht auf Privatleben. Der Politiker hat über alle Instanzen geklagt, weil in der Presse ein Foto erschienen war, das ihn beim Essen in einem Restaurant zeigte. „Wowi“ fand, dass das privat sei und niemanden etwas angehe. Während die Berliner Justiz dem noch folgen wollte, hat der Bundesgerichtshof einen Beschluss gefasst, der den als Partymeister bekannten Politiker in den Senkel stellt. Was war geschehen? Wowereit war am Vorabend einer wichtigen parlamentarischen Entscheidung mit dem Veranstalter einer Modemesse („Bread & Butter“) in die Paris Bar in der Kantstraße gegangen, um sich dort am Fenster sitzend von dem Modeunternehmer und seiner Gattin zelebrieren zu lassen. Was muss man dazu erklären? Die Paris Bar ist keine Bar, sondern ein Restaurant (zu Bars kommen wir später). Niemand sucht dieses in der Halbwelt berühmte Lokal auf, weil er Hunger hat oder irrtümlich annimmt, es handele sich um ein stilles Örtchen. Wer in die Paris Bar geht, will dabei gesehen werden. Hier geht es nicht um Eierkuchen, sondern um Eitelkeit. Und wenn ein Amtsträger dort mit jemandem diniert, dessen wirtschaftliche Geschicke von günstigen Entscheidungen der jeweiligen Regierung abhängen, so hat das Ganze ein Geschmäckle. So wird aus „Wowis“ Motto „arm, aber sexy“ die berechtigte Frage, ob diese Armut nur vorgetäuscht ist.

In Berlin hat diese Kombination von Politik, Geschäft und Halbwelt Tradition. Dazu habe ich eine Peinlichkeit zu berichten, die ich selbst begangen habe. Nach einem netten Abend bei einer Veranstaltung des Vereins der Auslandspresse hatte ich mich mit dem Korrespondenten eines französischen Fernsehsenders zum Essen verabredet. Ich lud in das neue Steakrestaurant eines alten Bekannten, meines Freundes Matze Martens, ein. Nachdem mein Sekretariat die Adresse übermittelt hatte, rief die Sekretärin des Journalisten zurück, ob wir sicher seien, dass der Termin schon mittags sei und nicht erst spät abends. Nun werden Sie sich fragen, wo die Peinlichkeit liegt. Die Sache ist schnell aufgeklärt: Das Restaurant „Filetstück“ in der Sanderstraße 17 in Berlin-Neukölln befindet sich in den renovierten Räumen eines früheren Vergnügungslokals namens Pigalle. Der Name leitet sich vom Place Pigalle in Paris her, einer Gegend, in der die Lokale vorwiegend rot beleuchtet sind. Diese Berliner Bar, nennen wir sie Tanzlokal, war im französischen Sektor der Stadt und stand unter dem besonderen Schutz der französischen Stadtkommandantur, weil sie von Offizieren der Grande Nation frequentiert wurde. Ups! Darum also hatte Madame Lacroix, die erfahrene und langgediente Sekretärin aus dem Büro des Pariser Korrespondenten, nach der Tageszeit gefragt.

Wo Politik, Geschäft und Halbwelt so eng beieinanderliegen, darf die Presse nicht nur indiskret sein, sie muss es geradezu. Im Interesse all jener Wähler, die nicht von Modezaren in eine Bar zum Abendessen

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 04.10.16)

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