Kreatives Chaos

In dieser Woche bin ich in Brüssel. Berlin ade. Hauptstadt hat Pause, jedenfalls für mich. Sinn der Reise ist es, die verborgene Machtstruktur in der Europäischen Union zu erkunden. Ich werde die Bürokratien besichtigen, mit wichtigen Europa-Abgeordneten reden und die Lobbyvertreter großer deutscher Unternehmen treffen. Wissen Sie, worauf ich mich am meisten freue? Auf den „plötzlichen Tod“. So heißt eine Kneipe in Brüssel. Auf Französisch „A la Mort Subite“. Dort gibt es Erdbeerbier und Bessen-Genever.

Brüssel liegt in Belgien, diesem Vielvölkerstaat zwischen Holland und Frankreich. Hier treiben belgische Brauer ihr Unwesen. Ja, es gibt Erdbeerbier. Wer das nicht mag, für den halten sie Kirschbier bereit. Man trinkt dazu einen Beerenschnaps, der eigentlich ein Likör ist. Keine Ahnung, wie man sich fühlt, wenn man an beiden Getränken genippt hat. Bei mir waren es immer so sechs oder acht Gedecke (Bier plus Schnaps). Danach fühlt man sich am nächsten Morgen furchtbar. Mit Worten nicht zu beschreiben. Angesichts des entsprechenden Katers mit Erdbeergeschmack wünscht man sich nur noch eines: den plötzlichen Tod.

Die Küche in Brüssel ist französisch, also gut, oder niederländisch, also eine Strafe. Angela Merkel soll auch schon an der Pommesbude gewesen sein, die hier die frittierten Kartoffelstäbchen mit Hummersoße anbietet. Für mich, der in Bochum studiert und dort mit Herbert Grönemeyer Currywurst gegessen hat, ist das ein seltener Luxus.

Hummer statt „rot-weiß“, sprich Ketchup mit Mayo. Fettfritteusen von dem Ausmaß einer Badewanne, am Ort „vlaamse frituur“ genannt, kenne ich eigentlich nur aus den englischen Lokalitäten, die fish 'n chips anbieten. Man erhält neben den Kartoffeln oder dem Fisch, den man bestellt hat, gleich noch immer einen halben Liter aufgesogenes altes Fett; das ist der Kalorienbedarf eines Stahlarbeiters.

Aber man muss nicht die Getränke oder das Mahl der Ureinwohner Belgiens zu sich nehmen. Der Bevölkerungsanteil von Migranten ist so hoch, dass auch die Düfte des Orients die Gassen erfüllen. Aus zahlreichen Raucherbars, in denen jene verkehren, denen die Religion Alkohol untersagt, weht der Geruch von Haschisch auf die Straße. Ganze Stadtviertel sind von Parallelkulturen eingenommen. Das ist auch der Grund, warum sich die islamistischen Terroristen aus Frankreich hierhin zurückziehen. Und niemand behauptet von der belgischen Staatsmacht, dass sie wirkungsmächtig sei. Im Gegenteil, das Wort vom Staatsversagen macht die Runde.

Belgien ist dreisprachig. Man spricht holländisch bei den Flamen, französisch bei den Wallonen und deutsch in einer Enklave, die eigentlich zum Reich gehört. Ups, das war natürlich ein Scherz. Es gibt einen bösen Rechtspopulismus bei den Flamen, gegen den die AfD harmlos ist. Deshalb sollte man politische Witze nicht fahrlässig machen. Und die Wallonen, die kennen wir eigentlich nur, weil sie vor Kurzem das Freihandelsabkommen mit Kanada aufhalten wollten. Ich selbst bin übrigens ein großer Befürworter von Freihandelsabkommen, aber das ist ein anderes Thema. Ist das in Belgien nicht ein furchtbares Durcheinander? Kreatives Chaos à la EU?

Nein, ich finde Belgien ist ein gutes Symbol für den europäischen Traum. Jedenfalls dann, wenn sich Menschen mit drei Sprachen verständigen können. Zur Not in einer vierten oder fünften. Dass sich Katholiken und Protestanten nicht die Schädel einschlagen, das gefällt mir. Wenn man auch eine starke Migration zu integrieren wüsste, das wäre vorbildlich. Europa lebt von der Vielfalt. Das ist der Unterschied zu den USA oder China. Europa macht Sinn im friedlichen Miteinander. Noch die Generation meiner Großväter ist sich in mörderischen Kriegen an die Gurgel gegangen. Das ist für mich der europäische Traum: ein langes Leben und Mosel-Riesling.

Belgien ist aber auch der europäische Albtraum. Was rate ich den Kritikern Europas? Sie sollten Trappistenbier trinken. Das ist ein hervorragendes Starkbier, von den Trappistenmönchen gebraut. Und der Trappistenorden hat ein Schweigegelübde. Sie müssen den ganzen Tag die Klappe halten.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 07.11.16)

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