Innere Werte zählen nicht

In der Politik ist es wie im  wirklichen Leben. Es gibt Typen, die sind so dröge, dass man in ihrer Gegenwart innerlich erstarrt. Der geborene Langweiler schaut so unaufgeregt aus der Wäsche, dass man ihn im Amerikanischen „empty suit“ nennt; das ist ein leerer Anzug. Und wenn der Dröge spricht, dann hat man den Eindruck, es handle sich um eine Puppe. Ich werde dann immer an die Hohensteiner Puppenkiste erinnert, ein Marionettentheater, das in meiner Jugend im Fernsehen lief. Der leere Anzug hat etwas Mechanisches. Er sagt immer dasselbe, und er sagt es immer in der gleichen Art. Während wir ihm lauschen, stellt sich der Eindruck ein, dass hier ein Band abgespielt wird und unsichtbare Fäden den Unterkiefer bewegen. Die Rede der Politik klingt leer.

Im 18. Jahrhundert nannte man menschenähnliche Puppen, die damals ein großer Erfolg auf Jahrmärkten waren, Automaten. Das war der letzte Schrei. Es gibt eine Erzählung aus der deutschen Romantik, in der sich ein junger Mann in einen weiblichen Automaten verliebt, weil die Puppe so anmutig war. Ach, wie tragisch. Bei Männern soll das Phänomen des Langweilens noch häufiger sein als beim weiblichen Geschlecht. Natürlich konnte das mit der Sprechpuppe oder einem drögen Kasper nicht gut ausgehen. Wer will schon mit einem Automaten Tisch und Bett teilen? Na ja, lassen wir das.

An all das werde ich erinnert, als ich in Berlin Olaf Scholz treffe, den Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Der Mann wird als Hoffnungsträger der SPD gehandelt. Viele wollen, dass er statt Sigmar Gabriel antritt, wenn es um die Kanzlerkandidatur geht. Scholz wird in Hamburg sehr geschätzt und gilt unter den Hanseaten als charismatischer Politiker. Die Gefühle der Fischköpfe teilt nicht jeder. In Berlin ist Scholz schon mal als Minister gescheitert. Er hat sich damals einen bösen Spitznamen eingehandelt: der Scholzomat. Sie ahnen warum. Scholz hat so viel Sex-Appeal wie ein Aktendeckel. Die Hanseaten mögen es mögen, wenn einer dröge ist; die Berliner zeigten sich gelangweilt. Und das ist im Unterhaltungsgeschäft das schlimmste, ein Langweiler zu sein.

Vorurteile über Menschen sind nie schön. Eigentlich sind sie immer eine Schweinerei. Als Christenmenschen sollten wir zum Mitgefühl berufen sein und nicht zum Hass. Und im Fall Scholzomat habe ich das am eigenen Leib erlebt. Ich habe drei Versionen ein und denselben Menschen kennengelernt. Deshalb will ich hier von Olaf als Redner, von Olaf als Diskutant und von Olaf beim Essen berichten. Als Redner ist Scholz eine Katastrophe. Er liest vom Blatt, und das auch noch schlecht. Da quält sich jemand am Pult durch sein eigenes Manuskript. Verzweifelt blickt das Publikum auf die eigene Schuhspitze und hofft, dass es bald vorbei ist.

In der Diskussion entdeckt man plötzlich ein feines Lächeln im Gesicht des Hanseaten. Es antwortet klug und auch mal ironisch. Plötzlich hat der Mann Humor. Beim Essen schließlich zeigt sich ein blendender Unterhalter. Scholz hat Witz, ist belesen und kennt die Welt. Dazu fallen Sätze über seinen Respekt vor den Bürgern, den sogenannten einfachen Leuten, die mich regelrecht für ihn einnehmen. Ein toller Mann. Jetzt tut mir mein Vorurteil leid. Es wird ihm nicht gerecht.

Wird das politisch helfen? Nein. Politik ist Unterhaltung, Showbusiness. Hier gewinnen die Rampensäue. Und die edlen Seelen, die werden als dröge verkannt. Ob ich das gut finde? Nein. Aber wir alle funktionieren als Wähler so. Leider.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 31.10.16)

Zurück