500 Jahre Reformation – Aufbruch zur Aufklärung

In seinen späteren Lebensjahren sollen dem Mann Zweifel an seinem Werk gekommen sein. Er war sich nicht sicher, ob seine reformatorischen Taten richtig waren und regelrecht betroffen, als sich eine Kirchenspaltung abzeichnete. Hätte er die von ihm ausgelösten Entwicklungen im Vorhinein gekannt, so hätte er besser geschwiegen, wird Martin Luther zitiert. Das tat er bekanntlich jedoch nicht, im Gegenteil, und veränderte dadurch ab 1517 das bis dahin vorherrschende Verhältnis von Kirche und Staat so nachhaltig, dass dies bis heute nachwirkt. Im kommenden Jahr feiert die Welt 500 Jahre Reformation.

1517 wird als das Reformationsjahr gefeiert, weil damals der junge deutsche Augustinermönch Martin Luther (1483–1546) mit 95 Thesen auf sich aufmerksam machte, in denen er insbesondere die Unfehlbarkeit von Papst und Konzilien in Zweifel zog. Luther greift in seinen Thesen speziell den Handel mit den sogenannten Ablassbriefen an, den Papst Leo X. beschlossen hatte, um den Neubau des Petersdoms in Rom finanzieren zu können. Mit dem Kauf eines solchen Ablassbriefs sollte gottesfürchtigen Christen die Vergebung ihrer Sünden und ein Platz im Himmel sicher sein. Luther wollte mit seinen Thesen nach dem heutigen Verständnis der Historiker vor allem einen theologischen Disput, wie er damals üblich war, über die Praktiken des Ablasshandels anzetteln. Doch daraus wurde letztlich eine Spaltung der Christen in die katholische und die protestantische/evangelische Kirche.

Nach der Proklamation seiner 95 Thesen, die er an die Tür der Kirche in seinem Heimatort Wittenberg genagelt haben soll – eine Erzählung, die bei Lichte gesehen weniger der Wahrheit entspricht, als wohl eher der Glorifizierung des Mönchs dient – musste er sich in Rom dafür verantworten. 1521 auf dem Wormser Reichstag wurde dann die Reichsacht über ihn verhängt. Dank politischer Protektion vonseiten deutscher Reichsfürsten, wie etwa Friedrichs des Weisen von Sachsen, musste Luther jedoch nicht, wie andere Kirchenkritiker, auf den Scheiterhaufen.

Zu den Auswirkungen von Luthers Thesen gehört eine Glaubensspaltung innerhalb des christlichen Abendlandes, die sich nachfolgend in den sogenannten Konfessionskriegen entlud. In deren Folge veränderte sich die politische Landkarte Europas. Schon allein deshalb wirkte die Reformation über die Grenzen Deutschlands hinaus. Sie initiierte aber auch jenes Verständnis der Trennung von Kirche und Staat, das dem Gedanken der Demokratie innewohnt. Darin sind sich die Historiker ausnahmsweise weitgehend einig, wogegen es große Unterschiede in der Bewertung der Person Luthers und seiner Bedeutung gibt. So wird seine Rolle als „Erfinder“ des modernen Freiheitsbegriffs ebenso angezweifelt wie die als erster Kritiker der römischen Kirche. Denn sein Gedankengut hatte durchaus Vorläufer, wie Historiker heute betonen. So sei Luther später denn auch eher als Projektionsfläche „vielfältiger Sehnsüchte, Hoffnungen, Feind- und Traumbilder“ benutzt worden, schreibt der Historiker Thomas Kaufmann. Damit erklärt er auch den Versuch der Nationalsozialisten, Luthers antisemitische Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ für sich zu instrumentalisieren. So nannte Adolf Hitler den Reformator „das größte deutsche Genie“.

Doch man sollte Luther nicht zum Politiker, zum Philosophen oder gar zum Freiheitshelden aufbauen, meint die evangelisch-lutherische Theologin, ehemalige Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann. Sie sieht in Luther in erster Linie den Theologen, der die „Freiheit eines Christenmenschen“ als das Entscheidende proklamierte. Ihm sei es dabei zuallererst um den christlichen Glauben gegangen, sagt Käßmann, die im Auftrag des Rates der EKD als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ tätig ist. Auch andere Betrachter bewerten Luthers Reformation vor allem als den Versuch, zur eigentlichen Kirche zurückzufinden und dazu zahlreiche Missstände abzuschaffen.

„Weltgeschichtliche Bedeutung“ bekam Luther nach Einschätzung des Historikers Hellmut Diwald vor allem durch seine Bibelübersetzung. Damit habe er den Menschen zu einer unvergleichlichen Mündigkeit verholfen, betont der Wissenschaftler. Zudem prägte Luther in seinen Schriften, die nach der Proklamation seiner 95 Thesen schnell auch ins Englische, Niederländische und Französische übersetzt wurden, maßgeblich auch jene Vorstellung von der persönlichen Freiheit des Individuums, das sich in der Aufklärung widerspiegelt. So wird dem Werk Martin Luthers ein großer Einfluss auf den Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) zugeschrieben. Dazu noch einmal Margot Käßmann: „Das Wagnis der Freiheit, das Luther gezeigt hat, das Erleben der zugesagten Freiheit und Freiheit als Bindung und Verantwortung sind Antriebsfedern für das aufgeklärte Denken.“

Insbesondere dadurch wirkt die Reformation bis heute.

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