Herz, Kopf oder Bauch

Wechselbäder der Gefühle, das kennt man eigentlich nur aus der Pubertät. Oder den Wechseljahren. Berlin erlebt zurzeit solche emotionalen Instabilitäten. Selbst alte Fahrensleute reiben sich die Augen. Die politische Klasse ist zunehmend verunsichert. Trotz sibirischer Kälte weht in der Bundespolitik ein laues Frühlingslüftchen.

Die alte Tante SPD, so darf man die älteste Partei Deutschlands wohl mit Respekt nennen, zeigt Frühlingsgefühle. Ihr neuer Galan namens Martin Schulz hübscht sie in den Augen der Republik auf. Und die Union mit der als Mutti verehrten ewigen Siegerin Angela Merkel kräuselt die Stirn. Ist das Land merkelmüde? Die Schwarzen sehen plötzlich alt aus, und die Roten fühlen eine Zeitenwende. Jubel hier, Sorgenfalten dort. Pubertät und Wechseljahre. Was ist passiert?

Die Meinungsforscher sehen die SPD erstmals seit Menschengedenken in der Wählergunst vor den schwarzen Schwestern CDU/CSU. Gestern noch schienen die Sozialdemokraten wie eingemauert im Beliebtheitskeller bei einem Fünftel der Stimmen und die Konservativen im stolzen Besitz eines Drittels der Wählervoten. Jetzt hat die SPD mit 31 Prozent erstmals die Nase ganz knapp vor der Union mit 30 Prozent.

Der Laie staunt, und der Fachmann freut sich. Die Republik wird Zeuge einer ganz alten Klamotte auf der politischen Bühne. Sie nennt sich „Kopf-an-Kopf-Rennen“. Das ist ein beliebter Trick der Demoskopen, wenn das Publikum einzuschlafen droht. Nun könnte Angela Merkel wie Donald Trump sagen: Alle Umfragen, in denen ich schlecht aussehe, sind gefälscht. Lügenpresse. Aber so einfach gewirkt sind hierzulande die Regierungschefs nicht.

Was macht Martin Schulz anders? Julia Klöckner wirft ihm vor, er rede wie die AfD; ach, das ist perfide. Das Geheimnis ist: Der SPD-Kanzlerkandidat spricht mit einem ganz bestimmten Körperteil. Nein, nicht er selbst. Er ist ja kein Bauchredner mit einer Handpuppe, wie man ihn aus dem Zirkus kennt. Schulz spricht nicht mit dem Bauch (seinem eigenen), sondern zu dem Bauch, dem der Wähler. Das ist etwas Neues.

Wir haben Politiker erlebt, die den Kopf ansprechen. Mancher galt als klug, andere als Schlaumeier, was die Leute nicht mögen. Und wir haben Politiker erlebt, die das Herz der Menschen erreichten und nicht nur geschätzt, sondern sogar geliebt wurden. Schulz macht Politik aus dem Bauch für den Bauch. Politisch Lied, garstig Lied? Nicht beim Maddin. Bei ihm stimmt der Ton. Wir wissen noch nicht, wie sein politisches Lied enden wird. Wir hören noch keinen Text. Aber was an unser Ohr dringt, das klingt echt musikalisch. Ich weiß, wovon ich rede, da ich so schlecht singe, dass Nachbars Katze den Mond anjault, wenn sie mich aus der Badewanne trällern hört. Nie treffe ich den Ton, der Maddin immer.

Was der Europa-Politiker Schulz im Laufe seines Lebens gelernt hat, das ist der „Sozen-Sprech“, so nennt man einen Soziolekt, also eine Sprechweise, die an ein bestimmtes politisches Milieu gebunden ist. Hier das der Gewerkschaften und Angestellten im Sozialwesen. Bei Soziolekten spielen Begriffe eine Rolle, die für die jeweilige Weltanschauung von zentraler Bedeutung sind. Für SPD-Wähler ist das die Frage der Gerechtigkeit. Für den rechten Teil der Partei ist damit Chancengleichheit gemeint, für den linken Verteilungsgerechtigkeit, für alle gilt eine Empörung über Verhältnisse, die nicht fair sind. Das hängt mit einem moralischen Gesetz zusammen, das die Menschen in ihrer Brust fühlen. Christliche Erziehung hat das dorthin gebracht oder auch nur eine liebevolle Erziehung in einem anständigen Elternhaus.

Aber soll das, werden Sie nun fragen, der Unterschied zu Merkel sein? Nein, auch Merkel kann den Sozen-Sprech. Das war ja ihr Geheimnis, dass sie als schwarze Seele rot reden konnte. Darum ist es relativ genial, wenn Schulz nun davon spricht, dass man mit Merkel nicht mehr die Kopie wählen müsse, sondern mit ihm das Original haben könne.

Mein Bauch versteht das. Mein Herz rutscht in die Hose, und mein Verstand fasst sich an den Kopf. Aber das zählt nicht.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 09.02.17)

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