Hauptstadt des Versagens

Im alten Rom brauchte man kein Navi. Der Römer wusste: Alle Wege führen in seine Hauptstadt. Damit er das nicht vergisst, hat Kaiser Augustus am Forum Romanum, mitten in der Hügelstadt, eine Gedenktafel aufstellen lassen, die alle Städte des römischen Weltreiches nannte und die Entfernung von diesem Platz, dem Zentrum der damaligen westlichen Welt.

Der französische Fabeldichter (Achtung, jetzt das Schulfranzösisch auspacken!) hat das Sprichwort geprägt: „Tous chemins vont à Rome“ – Alle Wege führen nach Rom. Der Philosoph Voltaire hat es dann als Motto in die Welt getragen. Das war den Katholiken recht. Allen Päpsten hat es gut gefallen, denn der Vatikan sitzt in Rom und damit das Zentrum der Christenheit. In Frankreich ist es ähnlich. In der politischen Mitte liegt Paris. Die Grande Nation ist zentralistisch angelegt.

Berlin aber liegt im hinteren Brandenburg, nicht unweit der polnischen Grenze. „Jott weh deh“ nennt das der Berliner: Janz weit draußen. Das müsste im Zeitalter der Düsenflieger ja kein Nachteil sein. Selbst der Hunsrück ist heutzutage gut zu erreichen, Hahn sei Dank. Nur hat Berlin leider keinen funktionierenden Flughafen. Wie auch sonst in Deutschland haben zwar die alliierten Siegermächte ihre Flugfelder hinterlassen, ein englisches, ein französisches und ein russisches, aber darüber ist längst Gras gewachsen. Selbst die Protzbauten der Nazis in Tempelhof dienen heute anderen Zwecken als der Aviation.

Nun versucht die Politik Berlins und Brandenburgs einen neuen Flughafen zu bauen, den sogenannten BER. Dessen Eröffnung war schon für 2012 angekündigt. Das Ding wird aber nicht fertig und ist inzwischen ein Denkmal für Staatsversagen. Der „Tagesspiegel“ zählt jeden Morgen die Tage seit ursprünglichem Eröffnungstermin. Es sind inzwischen gut 1740. Eine Behörde kann solche Projekte schlicht nicht. Es fehlt an der Qualifikation. Und den Rest erledigt eine planlose, aber herrschsüchtige Politik.

Alternativ zum Flieger gibt es den Zug. Man kann ja Bahn fahren. Na ja, aber am Hauptbahnhof werden Sie, verehrte Leserinnen und Leser, die Sie mir herzlich willkommen sind, um ein Taxi einen regelrechten Straßenkampf bestehen müssen. Es gibt zwar zwei Ausgänge am herrschaftlichen Gebäude, aber keine anständige Taxivorfahrt. Das hat politische Gründe. Der Hauptbahnhof war als „autofreier Bahnhof“ geplant. Die Fahrgäste sollten auf ihre PKWs verzichten und Busse und Bahnen nutzen. Es gibt zwar ein Parkhaus, aber das Rote Kreuz sucht noch immer einzelne Fahrgäste, die auf der Suche nach ihrem Auto dort verschollen sind. Die Vorgabe der „Autofreiheit“ gilt für die ganze Stadt. Zweispurige Straßen werden vorsätzlich rückgebaut und mögliche Parkplätze durch allerlei Betongefäße verstellt.

Ich muss nicht erwähnen, dass in vielen Straßen Tempo 30 gilt und ich mit meinen Strafmandaten das Büro tapezieren könnte. Verkehrspolitik versteht sich als Pädagogik: Wir sollen lernen zu befolgen, was jene uns raten, die sich im Dienst-Mercedes chauffieren lassen.

Wenn Sie als Berlin-Besucher aus dem braven Teil Deutschlands die Unterwelt kennenlernen wollen oder Ihren persönlichen Vorrat an harten Drogen auffüllen wollen, so empfehle ich die U-Bahn. Sie sollten dann allerdings hinreichend Kleingeld bereithalten. Das wird Ihnen von drogengestützten Bewohnern der Unterwelt abgefordert. Die Parole lautet: „Eh, Alta, hassu ma nen Euro?“ Bitte antworten Sie mit: „Logo, Dicka!“ Dazu wird das Geld überreicht. Bitte aus der Manteltasche in Einzelmünzen. Das demonstrative Hervorholen von Geldbörsen gilt als Aufforderung, sich ganz in deren Besitz zu bringen. In der S-Bahn finden sie das gleiche Elend, aber eben übertage. Hier allerdings lohnt sich die Erfahrung; nur noch in diesen Vorkriegszügen ist das originale Kreischen von Stahlrädern auf Stahlschienen wie in den DDR-Reichsbahnzügen zu vernehmen.

Busse und Straßenbahnen (am Ort Tram genannt)? Nun, das ist so ein Ding. Sie steigen im Bus bitte vorn ein, weil bei Zuwiderhandlung der jeweilige Fahrer über Lautsprecher Exempel des Berliner Humors von sich geben wird. Dabei können durchaus Pogromstimmungen unter den notorisch schlecht gelaunten Mitfahrern entstehen. Wer älteren Herrschaften einen Platz anbietet (passiert sehr selten) oder Frauen mit Kinderwagen hilft (passiert nie), erweist sich als Tourist. Missfällige Blicke der Eingeborenen sind dann sicher.

Berlin ist zu Recht deutsche Hauptstadt. Nirgendwo sieht man so deutlich das Versagen der öffentlichen Hand bei Infrastrukturmaßnahmen. Straßen und Brücken zerbröseln. Zur Inkompetenz kommt der politische Starrsinn. Nirgendwo zeigt sich deutlicher, zu welchen Unsinnigkeiten Ideologien im Amt führen.

Ein Grund zu verzweifeln? Nein, Berlin ist auch die Stadt der großen Freiheit. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die hier alles darf. Sie ist von den Zwängen lästiger Gesetze gänzlich befreit, sogar von einfachster Rücksichtnahme. Sie erhält eigene Wege durch die Stadt. Man braucht keinen Führerschein, nicht mal Licht, wenn es durch die Nacht und über Stock und Stein geht. Die Helden der Berliner Republik sind die Radfahrer. Für sie ist das Politikversagen die Garantie der großen Freiheit.

Man könnte aus Verzweiflung auswandern. Nur nicht in die Niederlande. Da kommt der zweirädrige Schwachsinn nämlich her.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 15.03.17)

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