Große Zahlen oder doch lieber große Gefühle?

Mit Donald Trump ist eine Rhetorik ins höchste politische Amt gekommen, die sich ihrer eigenen Ignoranz nicht mehr schämt. Experte ist jetzt ein Schimpfwort. Man muss nicht mehr in der Sache sein. Voller Kenntnis und reich an Erfahrung? Die großen Gesten reichen. Es besteht die Gefahr, dass das Schule macht. Der Grund ist klar: Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.

Sie können es nicht. Der amtierenden Landesregierung in Rheinland-Pfalz ist vom eigenen Landesrechnungshof gerade bescheinigt worden, dass ihr Innenminister nicht die hellste Kerze auf der Torte ist. Der gelernte Kommunalpolitiker namens Roger Lewentz hatte vor Jahresfrist versucht, einen landeseigenen Flughafen an chinesische Investoren zu verkaufen, und war dabei in peinlichster Art und Weise auf erkennbar unseriöse Zeitgenossen hereingefallen. Die Herrschaften aus Shanghai hatten zum Nachweis ihrer Bonität ein Foto eines angeblichen Dokuments vorgelegt, das sie als Besitzer von 200 Milliarden auswies. Ich habe vergessen, ob es Dollar oder Euro waren, egal. Kein Mensch hat eine Liquidität von 200 Milliarden, jedenfalls kein Reifenhändler aus China, jedenfalls nicht auf einem WhatsApp-Foto, jedenfalls nicht, ohne dass man die Wirtschaftsprüfer auffordert, eine Bankauskunft einzuholen. Der Roger, wie der Herr Innenminister in seinem sozialdemokratischen Milieu liebevoll genant wird, hat sich legen lassen von den Halbgaren aus Asien und den Smarten seiner Beratungsgesellschaft; wo seine Beamten winterschliefen, wissen die Götter. Das Ding platzte, eine Landesregierung, die gerade erst den Nürburgring ähnlich unseriös verkauft hatte, stand blamiert da. Das ist jetzt amtlich.

 

Kopfrechnen schwach

Es gilt in Mainz, was in Berlin gilt, wo ein Flughafenbau nicht fertig wird. Diese politische Klasse kann nicht rechnen. Weder der Regierungschef in Berlin noch der Innenminister in Mainz wissen zu sagen, wie viele Nullen eine Milliarde hat. Von zweihundert Milliarden ganz zu schweigen. Ausgegeben hat man in Mainz dann den überschaubareren Betrag von 30.000 Euro als Honorar für den PR-Berater Béla Anda, früher Sprecher der Bundesregierung, jetzt auch zum freiberuflichen Schönfärben zu haben. Am Ende war dann aber wohl doch nicht zu vertuschen, was jetzt alle wissen: Kopfrechnen schwach, Religion sehr gut. Damit hat die volkstümliche Pädagogik schon immer Menschen zu charakterisieren gesucht, die einen schwachen Geist durch strammen Glauben zu beseelen suchen. In weltlichen Zusammenhängen sprechen wir von praktizierenden Ideologen. Tatsächlich gibt es in der Politik so etwas wie eine Komplexitätsfalle. Man weiß nicht wie, hat aber eine stramme Ideologie. Die sich stellenden Probleme des wirklichen Lebens sind größer als die Lösungskapazität. Das gilt nicht nur für den Horizont der Spitzenpolitiker, sondern auch für weite Teile des Beamtenapparates. Hier mischt sich Expertise mit Behördenschlendrian und Sabotagementalität. Mal geht es gut, mal nicht, meist aber halb.

 

Appell an die großen Gefühle

Aus der Komplexität des wirklichen Lebens befreit sich am leichtesten, wer die Augen in die Ferne richtet. Die Engländer reden von „pie in the sky“, dem Versprechen einer rosa Zukunft. Wir haben durch die Populisten in Westeuropa und Nordamerika gelernt, dass der gedankliche Aufwand für solche ideologischen Projektionen nicht groß sein muss. Es reicht der Wunsch, wieder der Erste zu sein! Oder der Schönste! Oder der Erfolgreichste! Wem diese äußeren Werte verwehrt sind, der darf sich auf seinen inneren Kern konzentrieren. Er erlangt dann die Superlative in seiner vermeintlichen Wesentlichkeit. Niemand ist amerikanischer als ich, niemand französischer, niemand arischer. Mit großen Gefühlen kann man sich schlechter verrechnen als mit großen Zahlen. Das jedenfalls ist die Perspektive der Demagogen. Also der Blick von oben aufs Volk. Der Blick von unten, vom Volk auf die Führer, beweist das Gegenteil. Das mit großen Gefühlen verführte Volk hat immer die Rechnung zahlen müssen. In großen Zahlen.

 

Früher hieß das Stamokap

Was machen nun jene, die mit großen Gefühlen beschäftigt sind, mit der Komplexität des Lebens? Sie übergeben, jedenfalls in den USA, die staatliche Kontrolle einfach direkt an jene, die sie kontrollieren sollen. Wenn der Finanzminister den Kapitalmarkt kontrollieren will, so ist das sehr kompliziert. Wenn der Wirtschaftsminister die Wirtschaft kontrollieren soll, so ist die Komplexität nicht minder groß. Der probate Ausweg für die schlichten Gemüter der großen Gefühle: Man übergebe den Staat an Goldman Sachs und Exxon. Mit achtzehn, als ich mir noch was auf Radikalität einbildete, habe ich das vorlaut und frech Stamokap genannt, staatsmonopolistischen Kapitalismus, und nicht geglaubt, dass es mal so kommt.

 

(Erschienen bei http://www.salonkolumnisten.com am 28.04.17)

Zurück