Früher war mehr Lametta

Berlin hat Dutzende Weihnachtsmärkte. Man könnte jede freie Minute der Adventszeit in einer anderen dieser Idyllen verbringen. Während die Politiker in Richtung Heimat fliehen, füllt sich die Stadt mit Touristen.

Man mag das ein wenig kitschig finden, aber auch ich kann mich nicht freimachen von der glühweingestützten Besinnlichkeit. Was mich besonders anzieht, sind die Buden mit altem Handwerk. Mein absoluter Lieblingsort ist der Stand eines jungen Mannes mit einem Handwerk, das gut ein halbes Jahrtausend auf dem Buckel hat. Ich besuche ihn jedes Jahr und kaufe immer etwas, obwohl ich es eigentlich nicht brauche. Es gibt auf dem Gendarmenmarkt einen Drucker mit Bleisatz. In betagten Kästen sind die beweglichen Lettern gesammelt, mit denen Anfang des 15. Jahrhunderts ein Mainzer die Welt erobert hat. Hier wird heute noch wie damals zu Gutenbergs Zeiten gedruckt und aus den Setzkästen Buchstabe für Buchstabe zu einer Druckplatte zusammengefügt. Man darf Zeuge sein, wie die neuen Visitenkarten Blatt für Blatt entstehen. Darin liegt für mich ein besonderer Zauber.

Johann Gensfleisch, genannt Gutenberg, hat in seiner Mainzer Manufaktur die Druckerpresse erfunden, die es einem Luther später ermöglichte, die deutschsprachige Hausbibel sprichwörtlich für jedermann zu propagieren. Ohne Gutenberg hätten wir keine Reformation erlebt; das mag man als Katholik bedauern oder nicht. Aber ohne den Siegeszug der Massenpublikationen aus Mainz hätte es jene Bildungsexplosion nicht gegeben, die wir heute Aufklärung nennen. Gutenberg hat das dunkle Mittelalter beendet und die Neuzeit begründet. Und das alles fing mit den beweglichen Lettern an, die ich nun vor mir sehe.

Ich bewundere das Geschick des Druckers. Und wir fachsimpeln über links- oder rechtsbündigen Satz und Schriftgrößen: „Nein, kleiner als 6 Punkt“, sagt er, „gibt es nicht!“ Ich tue so, als sei ich vom Fach, wer will schon als blutiger Laie wirken, wenn es um die schwarze Kunst geht. Wenn ich ihn dann verlasse, meinen Drucker, dann ruft er mir eine Formel zu, die mir zu denken gibt. „Gott grüß die Kunst!“, so lautet die Parole der Handwerker dieser Zunft. Das spricht von einigem Selbstbewusstsein. Sie werden schon bemerkt haben, wer hier wen grüßen soll. Der liebe Gott das Handwerk – und nicht umgekehrt.

Mit dem Niedergang des Handwerks, das sich selbst noch als Kunst verstanden hat, kamen die industriell gefertigten Massenwaren. Vieles davon war dann so preiswert, dass sich Reparaturen nicht mehr lohnten. Das Wegwerfzeitalter begann. Mit Wehmut sehe ich auf den Weihnachtsmärkten noch einen Schuster, der dickes Leder mit einer Ahle zu nähen weiß. Und meine neuen Schuhe, ich gestehe es, die heißen zwar Prada, aber die kommen, wie ich entdeckt habe, aus Asien. „Made in Vietnam“ steht fast schamvoll versteckt irgendwo in der Plastiksohle. Denn das ist unsere Wirklichkeit: Wir leben in einer Weltwirtschaft und von ihr. Ich möchte mein Smartphone aus Asien nicht missen, so sehr ich den Drucker liebe.

Weihnachtsstimmung tut der Seele gut. Früher war mehr Lametta. Nostalgie bildet das Motiv für die Liebe zum guten, alten Handwerk. Nostalgie ist auch zu einem sehr starken Motiv in der Politik geworden.

Es war eine nostalgische Erinnerung an das ländliche England ihrer Jugend, die viele ältere Briten dazu bewegt hat, den Austritt aus der Europäischen Union zu erklären. Es sind nostalgische Erinnerungen an ein deutsch-österreichisches Großreich, das die politische Heimat der sogenannten Freiheitlichen bildet, die es fast in die Wiener Hofburg gebracht hätten. In Frankreich verspricht Marine Le Pen ihren Landsleuten, dass die Grande Nation wieder den Franzosen zuallererst gehören solle. Die Niederlande sollen keine Muslime mehr beheimaten müssen, fordert der blondierte Herr Wilders. Und wovon Herr Trump träumt, während er das Land vermeintlich zu Ehren des geschundenen weißen Mannes in die Hände der Investmentbanker und Großindustriellen gibt, das ist eine Fiktion von der Weltherrschaft. Es riecht nach Pulver.

Nostalgie pflegt immer nur einen Traum von einer heilen Welt, wie es sie früher einmal gegeben haben soll. Im Rheinland, der Pfalz und dem Westerwald kann man es besser wissen. Wer noch Großeltern oder gar Urgroßeltern hat, der möge sie berichten lassen von Hunger und Krieg. Nichts war früher besser. Vieles war schlimmer. Bittere Not, Mord und Totschlag, generationenraubende Kriege, das war der Alltag.

Und deshalb gehe ich gern auf Weihnachtsmärkte, weil hier die Nostalgie nur schön ist, aber nicht gefährlich.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 10.12.16)

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