Fromme Worte

Gewissensfrage: Waren Sie, verehrte Leserin, lieber Leser, am Sonntag im Gottesdienst? Ich wende mich mit dieser Frage zunächst an die Christen im Land. Das soll ja die übergroße Mehrheit sein, weil wir im christlichen Abendland leben.

Jetzt verschärfen wir die Gewissensprüfung noch um einen weiteren Grad: Wann waren Sie zum letzten Mal beim Abendmahl? Nein, nicht Abendessen. Jenes Ereignis, von dem Martin Luther sagt, dass es wirklich den Leib und das Blut des Herrn behandelt.

Eigentlich müssten alle Menschen wissen, was es mit diesem Sakrament auf sich hat. Eigentlich. Nun, wenn Sie mal Ihren örtlichen Geistlichen fragen, ob er am Sonntag wegen Überfüllung die Kirche hat schließen müssen, dann werden Sie andere Töne hören. Die christlichen Gotteshäuser werden immer leerer. Dass die Menschen Brot und Wein teilen, hat sich vom Altar in die Pizzeria verlagert. Aber das ist nicht das Gleiche.

Glauben Sie es mir, ich bin eine christliche Seele, aber aus der Kirche schon als Jugendlicher ausgetreten und ich weiß nicht mal, ob ich das heute wieder täte. Darin bin ich leider typisch. Unser Glaube hat sich verweltlicht. Der moderne Mensch hat seine Heilserwartung nicht mehr an die Religion, sondern an die Politik gerichtet. Und ist, was Wunder, bitter enttäuscht worden.

Eine solche religiöse Erwartungshaltung an die Politik, das ist es, was den Erfolg von Staatsoberhäuptern ausmacht. Wir mögen den islamischen Gottesstaat für eine Diktatur halten, was er unzweifelhaft ist, aber so ganz ohne religiöses Charisma kommen wir dann doch nicht aus. Darin liegt die Zufriedenheit begründet, die dieses Land bei dem Wirken von Joachim Gauck als Bundespräsident empfindet. Gauck ist eigentlich ein ziemlich protestantischer Pfarrer aus dem Osten, in privaten Lebensverhältnissen, die man ungewöhnlich nennen könnte. Sein Gospel besteht im Wesentlichen aus einem Wunsch nach Freiheit, ein DDR-Syndrom. An diesem Vorurteil gegenüber dem Mann hätte er politisch als Bundespräsident scheitern können. Ist er aber nicht.

Ich verrate Ihnen, woran das liegt. Wir wollen, dass der Bundespräsident mit uns redet wie ein Pfarrer auf der Kanzel. Wir lieben den Ton der Beichte. Man soll uns nicht allzu harsch die Leviten lesen, aber diese einfühlsame Kalenderblatt-Rhetorik, die gefällt uns. Früher gab es in allen christlichen Haushalten einen Abreißkalender, von dem man an jedem Tag ein Blättchen abriss, um den Bibelvers zu lesen, der darauf verzeichnet war. So ging es mit einem frommen Sinnspruch in den Tag.

Heute sind die Sinnsprüche im Internet auf Facebook und von beschränkter Intelligenz. In den guten alten Zeiten aber, da wurde das Tagwerk mit einem Bibelvers begonnen. Als gottesferne Christen mögen wir es, wenn die Politiker zu uns sprechen wie der nette Bruder im Glauben. Ich muss an dieser Stelle nicht eigens erwähnen, dass Angela Merkel als Pfarrerstochter in genau so einem Haushalt groß geworden ist. Auch die ostdeutsche Mutti redet wie die westdeutsche Margot Käßmann. Wir vertrauen dem protestantischen Jargon, auch die Katholiken. Selbst der Jesuit, der zurzeit Papst ist, hat die alte rhetorische Schärfe seines Ordens verloren und übt sich im Väterlich-Verzeihlichen. Die Welt wird evangelisch, jedenfalls die christliche. Das ist ein später Triumph Luthers, der zu seinen Lebzeiten alles andere als tolerant oder sanftmütig war.

Was ist für die Politik festzuhalten? Wenn die weltlichen Oberhäupter zumindest im Ton der Kanzel reden und sozusagen in profanen Talaren daherkommen, sind wir zufrieden.

Wer wird jetzt der nächste Bundespräsident? In Berlin gibt es täglich neue Gerüchte. Ein netter Dichter islamischen Glaubens? Unsinn. Ein Verfassungsrichter kühlen Verstandes? Keine Chance. Eine Dame aus dem VW-Konzern-Vorstand? Das würde mich wundern. Zunächst ist ja die Frage, ob die Wahlfrauen und Wahlmänner in der Bundesversammlung eine Mehrheitsentscheidung zusammenkriegen. Das hängt von der politischen Willensbildung ab, also von den Parteien. Es könnte einen Kandidaten geben, dem alle zustimmen. Daran glaubt in Berlin ernsthaft niemand. Es könnte eine Mehrheit von Rot-Rot-Grün (heißt in Berlin neuerdings: R2G) einen Kandidaten im dritten Wahlgang knapp durchbringen. Wenn es nach der Beliebtheitsskala der Politiker ginge, wäre das Frank-Walter Steinmeier, der amtierende Bundesaußenminister. Das wird aber nichts, da die Linkspartei das nicht mitmacht. An Steinmeier klebt noch immer, dass er Schröders Hausmeier war, als dieser die Agenda-Politik durchboxte. Den Strippenzieher für Hartz IV wollen die Linken nicht als Staatsoberhaupt. Wer also wird es? Ich werde Ihnen meinen Tipp verraten.

Es gibt im Deutschen Bundestag einen Menschen, der alle Bedingungen für ein ideales Staatsoberhaupt erfüllt. Erstens: Es ist eine Frau und kein Mann. Das wichtigste zuerst. Zweitens: Sie kommt aus dem Osten. Das wird ja zurzeit Routine. Drittens: Sie verkörpert den Zeitgeist. Die Dame ist grün-schwarzen Gemüts. Es kann also sein, dass die Schwarzen wie die Roten bereit sind, sie zu tolerieren, obwohl sie Spitzenkandidatin der Grünen für den Bundestagswahlkampf werden sollte. Viertens: Sie hat Charakter, was ja in der Politik eher selten ist. Man nennt das heutzutage wertkonservativ, wenn jemand kein völliger Hallodri ist. Fünftens: Sie tut so, als sei sie Theologin. Ups! Sie tut nur so? Ja.

Katrin Göring-Eckardt ist eine sympathische und lebenskluge Frau aus Thüringen, die neben ihren Parteiämtern hohe Funktionen in der Evangelischen Kirche Deutschlands bekleidet hat. Sie hat mit einem Pfarrer, von dem sie mittlerweile getrennt leben soll, Kinder. Sie hat mal ein Studium der Theologie begonnen. Aber man muss sich keine Sorgen um ihre Doktorarbeit machen (Stichwort Plagiate), weil sie das Studium nicht abgeschlossen hat. Eine Pfarrersgattin ist, auch wenn sie anders tut, keine Theologin. Dazu spricht man fließend Latein und Altgriechisch.

Ich kenne die Dame und schätze sie. Wir haben mal bei einem Bundespresseball zusammengesessen und uns sehr nett unterhalten. Nicht gebildet, aber bibelfest. Frau Göring-Eckardt ist eine Kalenderblatt-Philosophin. Jeden Morgen ein Bibelvers auf den Lippen. Also als Bundespräsidentin ideal geeignet. Was zu beweisen war.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 08.10.16)

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