Fair oder Foul

Als Kinder hatten wir Angst vor dem bösen Mann. Knecht Ruprecht hieß er. Oder er war ein fahrender Geselle aus fernen Landen. Oder man drohte uns mit der Dunkelheit. Das hat gewirkt. Jedenfalls eine gewisse Zeit. Irgendwann war man alt genug, um diesen Unsinn nicht mehr zu glauben. Trotzdem hat die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache vor dem Bösen gewarnt. Sie ist gläubige Protestantin und darf das. Ihr Religionsstifter, Martin Luther, hat vor 500 Jahren noch an den leibhaftigen Teufel geglaubt. Er soll auf der Wartburg sogar ein Tintenfass nach ihm geworfen haben. Das Böse ist in der Welt. Seit dem Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt ist die Angst vor dem Bösen auch in der deutschen Hauptstadt angekommen. Ich teile das, weil ich über jenen Platz des Anschlags oft laufe. Es hätte mich oder die Meinen treffen können. Schluss mit lustig.

Der Mensch des Menschen Wolf? Ja, die Gefahr besteht und bestand immer. Terror ist nicht neu und er kommt nicht aus dem Islam. Im Dreißigjährigen Krieg waren es die Schweden, die die Bevölkerung hierzulande marodierten. Auch die Kirche hat seit dem Mittelalter Scheiterhaufen errichtet, für allzu kluge Frauen, denen man Teufelsbuhlschaft vorwarf, und für Männer, die allzu weit vom Glauben abwichen. Die Decke der Zivilisation war immer dünn. Deshalb muss man wachsam bleiben, wo die Feinde des Friedens lauern.

Und deren schändliches Verhalten auch beim Namen nennen. Schamvolles Rumdrucksen ist verlogen. Wir erleben islamistischen Terror und dürfen ihn auch so benennen. Das müssen jene Muslime, die keine Terroristen sind, aushalten; ja, das ist die übergroße Mehrheit. Auch die Nordafrikaner, die bei uns zu Gast sind und sich nicht zu Intensivtätern entwickelt haben, werden ertragen müssen, dass man sich ansieht, wie sie sich benehmen. Ich wohne in Berlin in einem etwas schrägen Stadtteil und sehe jeden Tag die Alltagskriminalität der Drogenhändler und Kleinkriminellen. Und die notorischen Unverschämtheiten gegenüber Frauen. Nein, ich habe nichts gegen eine Videoüberwachung öffentlicher Räume. Weil das die Überzeugung der bösen Männer dämpft, dass sie hierzulande mit allem durchkommen.

Terroristen sind Kriminelle, in der Regel irre Einzeltäter oder Bandenmitglieder. Man darf für ihre Verbrechen nicht die Religion oder die Hautfarbe verantwortlich machen. Auch das ist richtig. Die Verantwortung für das Verbrechen liegt beim Verbrecher; der Staat muss für seine konsequente Verfolgung sorgen. Das ist die erste Sorge der Politik, dass sie das auch hinkriegt.

Es kommt aber neuerdings eine zweite hinzu. Der neue böse Mann für die politische Klasse in Berlin kommt aus den USA und heißt Internet. In den sozialen Medien des weltweiten Netzes, also bei Twitter und Facebook und YouTube, entwickelt sich sehr schnell ein Volkszorn über Dinge, die die Menschen aufregen. Der Sog dieser Debatten ist so groß, dass inzwischen auch die staatlichen Organe über diese Medien kommunizieren. Ich bin sehr beeindruckt, wie die Polizei zum Beispiel hier ihre Pflichten kommuniziert.

Und es gibt völlig neue Instrumente: Schon Minuten nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt wurde ich von einer Freundin über ein Facebook-Instrument gefragt, ob ich in Sicherheit sei. Ich konnte alle Freunde beruhigen: nicht unter den Opfern. Das alles ist hilfreich und ein Segen der neuen Zeiten. Ein Fluch ist die Debattenkultur in den Internetmedien, eine Unkultur. Diese fürchtet die Politik. In sogenannten Shitstorms erhebt sich ein Volkszorn, der nicht nur in die Breite wächst, sondern auch in die Tiefe. Aus Empörung wird Wut und aus Wut blanker Hass. Man wünscht sich gegenseitig den Tod. Mir ist jüngst mitgeteilt worden, dass ich mir gerne den Baum aussuchen dürfe, an dem man mich aufknüpfen würde. Warum? Wegen einer Meinung, die den anderen nicht gefiel. Sofort wird alles persönlich. Manieren gelten nicht mehr. Höflichkeit gilt als Zeichen der Schwäche. Man schlägt am liebsten unter die Gürtellinie. Möglichst noch getarnt unter einem albernen Künstlernamen oder gänzlich anonym. Feigheit als Bürgertugend. Das ist ekelhaft.

Man darf die Enthemmung nicht mit direkter Demokratie verwechseln. Sie hat auch nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Auch Rufmord ist Mord. Jeder Sportler weiß, was ich meine: Das Spiel besteht darin, dass man die Regeln einhält oder die Rote Karte gezeigt bekommt. Wenn wir den Anspruch aufgeben, fair zu spielen, dann reißt die Decke der Zivilisation. Im Fußball gewinnt man, indem man Tore schießt, möglichst ohne Foul und nicht aus dem Abseits. Und nicht dadurch, dass man den Gegner bloßstellt und beleidigt oder ihm die Kehle durchschneidet. Früher nannte man das unsportlich. Und man war nicht stolz darauf, vorsätzlich und niederträchtig zu foulen. Vor allem aber dürfen die Schiedsrichter im Spiel der Politik nicht um die Gunst der Ultras und Hooligans buhlen. Es gibt einen Beifall aus der falschen Ecke.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 07.01.17)

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