Eitler Pfau oder graue Maus?

Ich sitze zu viel am Schreibtisch und treibe kaum noch Sport. Das war mal anders. Als Student habe ich geboxt. Aus dieser Zeit erinnere ich mich an eine Weisheit über die sozialen Karrieren von Profiboxern. Viele der Weltstars wie Cassius Clay alias Muhammad Ali („The Greatest“) stammten ja aus einfachsten Verhältnissen. Wir wurden im Sport an meiner Uni trainiert von einem herzensguten und lebensklugen Ex-Profi, der schon mal bessere Zeiten gesehen hatte. Der alte Krämer pflegte zu sagen: „Du kriegst einen Boxer aus dem Ghetto. Aber du kriegst niemals das Ghetto aus dem Boxer.“ Das ist ein Lehrsatz auch für die Politik. Mir fällt er ein, wenn ich den Erfolg des Martin Schulz aus Würselen betrachte, den sie schon Messias nennen.

Donald Trump kommt nicht aus dem Ghetto; er ist Erbe des väterlichen Vermögens, von dem offensichtlich noch genug übrig ist. Großkotzig zu sein und mit seinem Reichtum zu prahlen, das mag in den USA als Tugend angehen. In Europa hält man das eher für „neureich“, sprich ein wenig vulgär. In Frankreich wie England achten die oberen Zehntausend darauf, nicht durch vordergründige Angebereien aufzufallen. Und in Preußen, da will auch die Oberklasse eher durch Bescheidenheit etwas gelten als durch Protzen. Der Lebensstil des neuen amerikanischen Präsidenten gilt hierzulande als so gewöhnungsbedürftig wie der des Herrschers vom Bosporus. Trump hat im Auftreten etwas Orientalisches. Mit irdischen Gütern wird geprahlt, als seien sie ein Gnadenerweis der Götter. Was diese Alltagskultur angeht, so kann man die neureichen Herren Trump, Putin und Erdogan durchaus in einen Sack stecken. Die Herrschaften sind extrovertiert. Sie sind gewählte Diktatoren mit einem ausgeprägt schlechten Geschmack und einer ungebrochenen Zeige-Freudigkeit. Macht als Exhibitionismus.

Wer Nordamerika gut kennt, weiß, dass auch dort der Las-Vegas-Glamour vielen Menschen als ordinär aufstößt. Aus einem amerikanischen Spielfilm klingt mir der Satz im Ohr: „Wer reich ist, muss nicht Recht haben.“ Die deutsche Republik misstraut solchen Millionären. Das mag im sogenannten „Unterschichtenfernsehen“ anders sein, wo sich der früher berüchtigte Drückerkönig Carsten Maschmeyer als Menschfreund inszeniert. Dabei hilft ihm mein Kollege Bela Anda. Die wirklich Reichen scheuen hierzulande das Licht der Öffentlichkeit und schmücken sich nicht mit Filmsternchen und Halbwelt-Tand. Das gilt vor allem für die Politik. Im wirklichen Leben wollen die Bürger nämlich ihresgleichen an der Macht sehen. Das ist eigentlich verwunderlich, jedenfalls für den Geschichtsbewussten.

Könige und Kaiser waren über Jahrhunderte alles, aber nicht ihren Untertanen ebenbürtig. Sonnenkönige inszenierten sich mit allem erdenklichen Protz als absolute Macht. Der eitle Pfau war Staatsoberhaupt. Man wähnte sich selbst in deutschen Landen von Gottes Gnaden an der Spitze des Staates. Selbst in der Antike, die wir immer für die Erfindung der Demokratie verantwortlich machen, gab es massive Unterschiede. Die Polis, also der Ort der Politik, gehörte den vornehmen Geschlechtern. Ein wesentlicher Teil der Gesellschaft galt nicht mal als Menschen; das waren insbesondere jene Sklaven, die für den eigentlichen Lebensunterhalt zuständig waren. Nur wer aus gutem Hause war, hatte etwas zu sagen. Die Vorstellung einer solchen Klassengesellschaft steht erst seit neuerem im Verruf. Für die Antike wie den Feudalismus war Adelsherrschaft selbstverständlich.

Der heutige Geldadel hat es da schwerer. Zunächst mal sind in der Verfassung, dem Grundgesetz, alle Menschen gleich. Dieses Menschenrecht ist wirklich radikal: Man kann nicht mal selbst darauf verzichten. Oder seine Frau oder Tochter darauf verzichten lassen. Das ist der aufgeklärten Moderne geschuldet. Die amerikanische Verfassung aus dem 18. Jahrhundert nennt die Menschenrechte „self-evident“ und „unalienable“. Das meint: nicht nur selbstverständlich, sondern auch, dass sie nicht aberkannt werden können, auch nicht freiwillig abgetreten. Von daher ist selbst der Hinweis, dass jemand aus religiösen Gründen die Sache anders sehe, einfach privater Unsinn ohne öffentliche Bedeutung.

Wir sind von Staats wegen zur Gleichheit aller Menschen verurteilt, und zwar alle und in letzter Instanz. Was die Menschen am Politikertypus Merkel und Schulz mögen, also an den eher grauen Mäusen, das ist deren Mittelmaß. Man riecht in der Politik hierzulande nicht nach teurem französischen Parfum, sondern nach dem Stall, aus dem man kommt. Dass Schulz wie Merkel so normal wirken, nützt ihnen. Egal, wer die nächste Bundestagswahl als der „Größte“ (Cassius Clay) gewinnt, das Ghetto hat ihm geholfen.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 10.03.17)

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