Ein wirkliches Leben neben der Politik

Malu ist Oma geworden. Das begeistert Mainz. Oder Trier. Aber wohl eher verhalten. Solche „Homestorys“, die das Private in die Öffentlichkeit kehren, gibt es auch in Berlin.

Die Nation staunte jüngst, jedenfalls auf den zweiten Blick. Man sah die Amtseinführung des neuen Außenministers im Amtssitz des Bundespräsidenten. Na gut, keine Sensation. Steinmeier wird Gauck beerben, und Gabriel beerbte schon mal Steinmeier. Der neue Gensch-Man hatte auf die Kanzlerkandidatur für die SPD verzichtet und wurde Minister des Äußeren. Mal sehen, ob er sich jetzt einen gelben Pullunder zulegt, wurde gespöttelt. Man könnte sagen: das Übliche.

Dann sah man da aber neben Sigmar Gabriel seine Frau und seine kleine Tochter. Später zeigte er, unter Begleitung der Fotografen, Marie auch noch den Bundestag. Man sieht ein Mädchen mit seinem Papa, die beiden sind sich offensichtlich zugetan, Familienleben auf großer Bühne. Das Kind ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, und er ist sichtlich stolz auf seine Tochter. Im Privaten eine Idylle. Aber darf man das vor aller Augen? Sich als Regierungsmitglied mit der Familie so offen zeigen? Gute Frage.

Ich kenne viele Promis in Berlin, die um ihr Privatleben ein Riesentheater machen beziehungsweise eben keines. Ich sehe einen Sänger aus Bochum, der schlagernotorisch nicht tanzen kann, mit seiner neuen Gefährtin vor einem Edelhotel Sushi essen. Namen werde ich hier nicht nennen, sonst schreibt sein Anwalt. Ich sitze im Restaurant neben einem Quizmaster, den es abends von seinen Latifundien in Potsdam nach Berlin gezogen hat; es begleitet ihn die Ehefrau. Keine Namen, zudem will ich ja nicht Millionär werden. Und dann ist da der Witzeerzähler, der ganze Stadien füllt und einen Doppeldecker im Garten stehen haben soll; auch er in Begleitung.

Ich weiß, dass all diese VIPs ihr Privatleben zu schützen suchen und es nicht gut fänden, wenn ihre Kinder auf Fotos in der Zeitung zu erkennen wären. Das verstehe ich. Ich bin mir nur nicht sicher, ob Schutzbedürftigkeit der Grund ist oder eher eine besonders exzessive Eitelkeit.

Die Sicherheitslage von Spitzenpolitikern und anderen Prominenten ist ein ernstes Thema. Nach meinem Gefühl geht es dabei gar nicht so sehr um die Abwehr wirklicher Verbrechen. Bedrohlicher ist, dass man nicht weiß, welche Geisteskranken sich zu welchen Irrwitzigkeiten motiviert sehen könnten. Deshalb werden die Privathäuser von VIPs sorgsam bewacht, zum Teil auch die Angehörigen.

Ich selbst habe eine Zeit lang unter solchen Bedingungen leben müssen, weil ich eine herausgehobene Tätigkeit hatte. Nicht, dass ich als Person wichtig gewesen wäre, aber ich habe als Sprecher in einer umstrittenen Sache vor die Kameras gemusst. Das Lebensgefühl, das sich dann einschleicht, ist bedrückend. Man lebt unter einer Käseglocke. An die stetige Präsenz von Personenschützern gewöhnt man sich zwar, insbesondere, wenn es nette Leute sind, aber der eigentliche Verlust ist der der Privatheit. Auf gut Deutsch: Man kann nicht mal unbeobachtet in der Nase bohren.

Was treibt Sigmar Gabriel beim Vorzeigen seiner Tochter an? Er will klar machen, dass er neben der Politik ein wirkliches Leben hat, das mit seiner Familie. Und er will seine Familie ein möglichst normales Leben leben lassen. Öffentliche Auftritte seiner Tochter, sagt er mir, werden die Ausnahme bleiben. Bei der eingangs beschriebenen Situation hätten seine Frau und seine Tochter ihn gern begleitet und er habe sich darüber gefreut. Ein wenig liegt hier für ihn wohl auch der Triumph, eine Lebensentscheidung getroffen zu haben, die man ihm nicht zugetraut hatte.

Ob ihm diese Dosierung eines normalen Lebens im öffentlichen gelingt, werden die Zeiten zeigen. Im Presserecht gibt es nämlich einen Tatbestand, der sich Selbstbegebung nennt. Juristensprache. Gemeint ist damit, dass jener, der sich sonntags beim Kirchgang mit der Familie fotografieren lässt, nicht darauf bestehen kann, dass er montags wieder Privatmann ist. Wir kennen das aus allen Königshäusern der Welt. Wer hier wann mit wem flirtet und von wem dann ein Kind erwartet, das ist Gegenstand allgemeiner Begeisterung. Ein normales Leben kann man bei Hofe nicht mehr führen.

Ob es Papa Gabriel gelingt, werden wir sehen. Ich würde es ihm wünschen, vor allem aber seiner Tochter.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 04.02.17)

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