Ein westfälischer Preuße

Frank-Walter Steinmeier ist, inzwischen weiß es die Welt, der frisch gewählte Bundespräsident. In einigen Wochen zieht er in Berlin ins Schloss Bellevue ein und ist dann unser Staatsoberhaupt. Also das, was Ihre Majestät, die Königin, in England ist, von der die Briten wünschen: „God save the Queen.“

Der neue Bundespräsident ist dann keine Person mehr, sondern ein Amt. Egal, was man so von dem Frank als Mensch hält, als Staatsoberhaupt gebührt ihm jeder Respekt. Im Staatswesen unterscheiden wir den Amtsträger vom Amt.

Nun kenne ich die Person Steinmeier noch aus Zeiten, als er zu Beginn der 90er-Jahre in Hannover ein „Frog“ war. Die Frogs (zu deutsch Frösche) waren die sprichwörtlichen Freunde von Gerd: Friends of Gerd Schröder, seinerzeit Ministerpräsident in Niedersachsen und Kanzler in Wartestellung. Ich selbst gehörte nicht zum inneren Kreis der „Frogs“, aber wohl zum äußeren, sagen wir zu den Kaulquappen of Gerd, den KoGs. Jetzt können wir also aus dem Nähkästchen plaudern. Das gesellschaftliche Leben in Hannover war, entgegen dem Volksmund, so ereignisarm nicht. Es gibt den schlafmützigen Ruf der Stadt an der Leine (so heißt das örtliche Flüsschen), nach dem gelten soll: „Nichts ist doofer als Hannover!“ Aber für die Frogs zu Beginn der 90er-Jahre, da reimte sich Hannover eher auf „hangover“, womit der Engländer den Kater meint, jenen am nächsten Morgen, den man mit Alka Seltzer bekämpft.

Und Gerd Schröder, der Kanzler in Wartestellung, galt als trinkfest. An fröhliche Abende im Kneipensumpf erinnern sich nicht nur die Frösche, sondern auch die Kaulquappen. Ich könnte also aus der Schule plaudern. Was also war mit Frank-Walter Steinmeier im sündigen Hannover?

Nichts war. Er war Schröders Adlatus, sein Büroleiter und Vordenker. Auch sein Nachdenker. Weil der legendäre Gerd es hasste, Akten zu lesen, musste Frank-W. dran glauben, Tag wie Nacht. Während wir beim einschlägigen Italiener (Roma di Roma) einen Rotwein verköstigten, den der Südländer zu Recht „primitivo“ nennt, durfte Frank an den Schreibtisch.

Der Mann ist fleißig bis an die Grenze der Selbstverleugnung. Und er ist bedächtig, wenn es um Entscheidungen geht. Kein Hitzkopf, eher ein Grübler. Es mag sein, dass es damals im Kreise der fröhlichen Zecher spöttische Bemerkungen über „Tintenpisser“ gab, aber aus heutiger Sicht war dieser Spott zutiefst ungerecht. Frank ist kein Luftikus. Der Steinmeier ist ein westfälischer Preuße, das ist das höchste Lob, was ich hier zu vergeben habe. Kennen Sie den, wo der Rheinländer den Westfalen trifft? Der Westfale hat einen Papagei auf der Schulter. Fragt der Rheinländer: „Kann der sprechen?“ Sagt der Papagei: „Keine Ahnung.“

Man liebte Steinmeier als Außenminister; das ist der Genscher-Bonus, den alle Amtsinhaber seit diesem legendären FDP-Mann haben.

Man muss ein zweites Amt erwähnen, von dem die breite Bevölkerung nicht so recht weiß, wie wichtig es ist. Steinmeier war Bundesminister mit der Zuständigkeit für das Kanzleramt. Als solcher ist man Koordinator der Geheimdienste. Man kennt das innere Getriebe der Macht. In Zeiten, in denen sich großmäulige Laiendarsteller in Regierungsämtern in die Lächerlichkeit twittern, da habe ich gern ein Staatsoberhaupt, das weiß, wovon es redet. Oder schweigt. Auch mit diesem Bezug gefällt mir der blöde Witz vom Papagei auf der Schulter des Westfalen.

Kurzum: Ausnahmsweise habe ich mal nichts zu meckern bezüglich der großen Politik. Kompliment an Sigmar Gabriel und an Angela Merkel. Bei Gabriel für seine Schlitzohrigkeit, mit der er den roten Steinmeier in der Großen Koalition durchgesetzt hat. Und an Merkel für die Einsicht. Das war, auch wenn die Schwarzen knurren, nun wirklich mal alternativlos.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 17.02.17)

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