Drum prüfe, wer sich bindet

Die K-Frage ist jene Frage danach, wer als Kanzlerkandidat antritt. In der Union ist das entschieden. Damit machen sich in der SPD viele wichtig, aber das ist eigentlich auch kein Geheimnis mehr. Geplänkel. Die wirkliche K-Frage ist doch, wer Kanzler wird. Wer wird künftig dieses Land regieren? Ist Angela Merkel als Siegerin der nächsten Bundestagswahl schon gesetzt? Kriegen wir dann wieder eine Große Koalition von Union und SPD? Gähnen. Oder kommt das Dreierbündnis Rot-Rot-Grün, auch R2G genannt, mit einem Kanzler Gabriel? Alarmstimmung. Oder finden sich die Schwarzen und die Grünen zu einer Ehe auf Zeit (Angie & Kretschi)? Überraschung.

In Mainz schürt die politische Klasse die Hoffnung, dass es auch in Berlin eine Ampel geben wird, also Rot-Gelb-Grün. Das ist die Eitelkeit der Provinz: Was in Rheinland-Pfalz gut ist, das muss gut für den Bund sein. Wenn der Mainzer SPD-Fraktionsvorsitzende Alexander Schweitzer hierzu spricht, wächst er noch mal drei Zentimeter über sich hinaus, von 2,06 auf 2,09 Meter. Auf mich wirkt das ein wenig aufgeblasen. Berlin weiß, dass die Dinge schwierig werden. Und man gar nichts ausschließen kann. Zur Not würde jeder mit jedem. Ups, das klingt nach Sodom und Gomorra. Jeder mit jedem? Der Grund läge nicht im Sittenverfall, sondern in der Mathematik. Wenn der Wähler gesprochen hat und die Stimmen gezählt sind, dann müssen die Fraktionen im neu gewählten Bundestag entscheiden, wie sie mit diesem vermaledeiten Votum zurechtkommen. Man braucht eine rechnerische Mehrheit, die den jeweiligen Kandidaten zum Kanzler küren kann. Kanzlermehrheit nennt sich das. Es fährt aber keine Partei eine eigene satte Mehrheit ein. Nur ein gutes Drittel oder nur ein Viertel oder ein Achtel holen sie noch, die alten Matadore. Von 50 Prozent plus x träumt niemand mehr. Schon heute, der Wahlkampf hat nicht mal begonnen, höre ich in allen Hinterzimmern Berlins das Mantra: „Na, ob das reichen wird?“

Bevor wir weiter in die Wahlmathematik gehen, muss ich noch mal auf den Schock mit der losen Sexualmoral zurückkommen. Ist das wirklich so, dass jeder mit jedem würde? Wenn dem so wäre, würde es kein gutes Licht auf die Politik werfen, jedenfalls nicht in den Augen brav verheirateter, anständiger Leute.

Ich habe gesagt, dass eine Koalition eine Ehe auf Zeit ist. Das haben wir heute ja auch im wirklichen Leben, dass man statt bitterem Frust und zwangsweisem Verharren, bis der Tod scheidet, Lebensabschnittsgefährten erwählt. Oder gleichgeschlechtliche Partner, auch die können heiraten. Es hat sich viel geändert im Laufe der Zeiten. Daran kann für meine Begriffe nichts falsch sein. Unter einer Bedingung: dass es Liebesbeziehungen sind, die die Partner aneinander binden. Wo zwei Herzen sich finden, da hat eine spießige Moral ihr Recht verloren. Liebe ist eine Gottesgabe. Koalitionen sind aber etwas ganz anderes, nämlich Vernunftehen.

Eine Sache der Vernunft? Die Bezeichnung solcher Zweckbündnisse als vernünftig ist schon nicht in Ordnung. Es liegt weniger etwas Vernünftiges darin, sich aus Opportunität zusammenzutun, als das eigennützige Kalkül: Wenn ich es allein nicht schaffe, dann halt in der Partnerschaft. Man schließt dann einen Ehevertrag, Koalitionsvereinbarung genannt, und ab geht es auf die gemeinsame Hochzeitsreise. R2G wäre ein Glück zu dritt, im Volksmund: flotter Dreier. Beim ganz frischen rot-rot-grünen Senat der Stadt Berlin war der „Honeymoon“ recht kurz. Die Hochzeitsglocken waren noch nicht verklungen, da gab es den ersten handfesten Streit mit der Linkspartei. Es flog ein Staatssekretär, der sich zuvor an der Universität eine Beschäftigung erschlichen hatte, indem er seine hauptamtliche Tätigkeit bei der Stasi unterschlagen hatte. Pardon, einer Erinnerungslücke zum Opfer gefallen war. Jetzt ist R2G an der Spree schon im Vor-Scheidungs-Stand. Mal sehen, wie lange das hält.

Womit wir bei der Frage sind, worauf sich denn gute Partnerschaften gründen. „Gleich und gleich gesellt sich gern“ ist so eine Theorie. „Auf jeden Pott passt ein Deckel“, sagt man, wenn die Beziehung bizarre Züge hat. Eine andere Weisheit lautet: „Gegensätze ziehen sich an.“ Und an Gegensätzlichem, da findet man eine Menge, wenn Sozialdemokraten aus der Ochsentour auf umlackierte Kommunisten aus der ehemaligen SED treffen und sich dann Grüne dazu gesellen, die ihre Weltvergessenheit für eine höhere Moral halten.

Aber wir sprachen ja von Paaren im wirklichen Leben, Ehepaaren und Pärchen eben. Pat und Patachon, hat meine Frau Mutter immer gesagt, wenn sie fand, dass zwei Menschen nicht zusammen passen. In der Politik gilt für die Anbahnung künftiger Bindungen die Mathematik, zunächst die Addition, dann die Mengenlehre. Man denkt die Parteien jeweils als eine bestimmte Menge von Themen und sucht zwischen den unterschiedlichen Mengen möglichst große Schnittmengen, also Felder der thematischen Übereinstimmung. Das war historisch immer die besondere Fähigkeit der FDP, ihrem jeweiligen Koalitionspartner Schnittmengen anzubieten. Gleichzeitig gibt es aber eben auch Bereiche, in denen man gar nicht zusammenkommt.

Ich höre in führenden Kreisen der SPD seit Monaten die Überlegungen dazu, was man bei den „Linken“ (knurrend wird angefügt: „vormals PDS, davor SED, davor KPD“) noch ertragen könne und was gar nicht gehe. Das wäre für das Zweckbündnis R2G eine entscheidende Frage, ob man die Vernunftehe auf solche Gemeinsamkeiten gründen könnte und die Gegensätze so weit aus der Wahrnehmung nehmen, dass der Wähler an das Ding glaubt, wenn die Hochzeitsglocken erklingen.

Die Grünen haben heute die Rolle der alten FDP: Sie bieten, was verlangt wird. „Gib Zeichen, wir weichen!“ Der Wille zur Selbstverleugnung ist hier tief ausgeprägt. Man will unter allen Umständen, da darf man in der Partnerwahl nicht zu wählerisch sein. Aber auch das ist nur eine Facette. Was ich wirklich höre bei den Granden der Sozis, ist die Überlegung, wer denn nun bei den Linken „ministrabel“ sei. Das heißt als Persönlichkeit geistig und moralisch in der Lage, ein Regierungsamt auszufüllen. Nicht jeder Grüßaugust, den es aus seinem Kiez in den Bundestag gespült hat, wäre auch als Ministerkollege im Kabinett zu ertragen. „Und die Wagenknecht“, sagt dann einer der Genossen mit schriller Stimme und rotem Kopf, „die Wagenkecht geht gar nicht.“ Man verzeiht ihr nicht, dass sie die Ehefrau des fahnenflüchtigen Oskar Lafontaine ist.

Ach, sehen Sie, liebe Leser, und jetzt sind wird doch wieder dort, wo wir angefangen haben, es menschelt. Wenn die Vernunftehe halten soll, dann geht es doch nicht ohne eine Spur Respekt oder gar Zuneigung. Und so schauen die Jungs und Mädel, mit wem sie denn ein Tänzchen wagen wollten, wenn sie es können oder können müssen. Und mit Mutti können viele. Das ist das, was ich das Aschenbrödel-Syndrom nenne.

Von der heimlichen Liebe zu Mutti aber darf im Wahlkampf noch nichts aufscheinen, sonst räumt sie ihren Gegner wieder wie einen Schulbuben ab, so wie sie es schon seinerzeit mit dem SPD-Kandidaten Steinmeier gemacht hat.

Was für ein Chaos widersprechender Gefühle! Ich bin heilfroh, dass ich in dieser Seifenoper nicht mitspielen muss.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 24.01.17)

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