Digitale Bauernfängerei

Neuland hat die Kanzlerin das Internet genannt. Und sich den Spott jener jungen Leute eingehandelt, die sich im World Wide Web zu Hause fühlen. Das empfinde ich als ungerecht. Meine Generation ist in einer Zeit aufgewachsen, als man noch mit Füllfederhaltern schrieb, Briefmarken anleckte und hässliche Dinge auf der Tür der Schultoilette standen. Wir kommen aus der analogen Welt und müssen das Digitale erst noch üben. Neuland eben.

Die weltweite Vernetzung aller Computer hat einen gewaltigen Fortschritt gebracht; das wird niemand abstreiten wollen. Zum Segen kommt aber auch der Fluch. Im Internet kursieren Nachrichten, die schlicht gefälscht sind, Fake News genannt. Das wäre nicht so schlimm, wenn die Fälscher nicht eine politische Absicht verfolgten.

Sie wollen Schaden zufügen. Man kalkuliert damit, dass es hinreichend viele Dumme gibt, die auf die Fälschung reinfallen, sprich den Unsinn glauben und mit Zorn beantworten. So wird einem Politiker eine skandalöse Äußerung unterstellt und es bricht sich eine Empörung Bahn. Die Digitalen nennen das „Shitstorm“. Solange solche Fehlinformationen nur einzelne Bürger trafen, hat die Politik weggeschaut. Jetzt aber trifft es die Elite selbst.

Man liest in der Zeitung, dass der russische Staat versucht haben soll, die amerikanischen Präsidentschaftswahlen durch Internetpropaganda zu beeinflussen. Im Meer der Informationen, die das Internet überschwemmen, soll es solche geben, die auf regelrechte Desinformation zurückzuführen sind. Desinformation ist Tätigkeit von Geheimdiensten, also dem problematischen Ende staatlicher Macht. Herr Putin soll da nicht zimperlich sein, sagt ein amerikanischer Spitzenpolitiker. Nun, ich bin sicher, dass auch die amerikanischen Geheimdienste nicht zimperlich sind. Ob ich den deutschen Geheimdiensten traue? Keine Sekunde. Es mag ja sein, dass kein Staat ohne die Schlapphüte auskommt. Es mag auch sein, dass es zwischen den Dunkelmännern in üblen Diktaturen und braven Beamten in Demokratien einen Unterschied gibt. Was mein Hirn einsieht, muss mein Herz aber nicht mögen.

Zur Desinformation braucht es im Internetzeitalter nicht mal mehr Bösewichte, wie wir sie aus den James-Bond-Filmen kennen. Die Maschinen können das von selbst. Berlin fürchtet sogenannte Bots, Computer, die im Sekundentakt Desinformation betreiben. Damit stünden für Wahlkämpfe unheimliche Waffen zur Verfügung. Man muss sie, höre ich aus dem Bundespresseamt, mit Massenvernichtungswaffen vergleichen. Ist das nicht übertrieben? Nein.

Man sieht die neue Qualität staatlicher Propaganda schon im Fernsehbereich. Beispiel Nachrichtensender. Ob die englische BBC von der Regierung gesteuert wird, da mag man Zweifel haben. Ob der englischsprachige Nachrichtenkanal der Deutschen Welle ein Staatssender ist, kann man ebenfalls infrage stellen. Aber der TV-Sender France 24 ist ein Organ des französischen Staates, so wie man beim Fernsehsender Russia Today die Propaganda Putins vernehmen kann.

Wissen Sie, was ein Troll ist? So nennt man in Norwegen hässliche kleine Wichte, von denen die Sagenwelt nur so wimmelt. Trolle sind norwegische Rumpelstilzchen. In der Sprache der Internetfreunde ist ein Troll ein völlig unbelehrbarer Gesprächspartner in den sozialen Medien, der unablässig stänkert, beleidigt und belästigt. Einen Troll kann man abschalten, indem er gesperrt wird. Selbst wenn man eine ganze Reihe von Trollen am Hals hat, so bleibt es eine endliche Zahl. Wenn aber die Rechner eines Geheimdienstes sich zu solchen Belästigungen aufmachen, entsteht eine neue Qualität. Die „Bots“ sind die Nuklearwaffen der Desinformation.

Sagen wir es weniger militärisch: Die Freunde des Internets glauben, dass sie durch ein Fenster hinaus in die Welt blicken. Und so als besondere Schlaumeier die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind. Vielleicht blicken sie aber nur in Schaufenster, die Bauernfänger eigens für sie dekoriert haben. Dann wären die vermeintlich Superschlauen am Ende des Tages ziemliche Deppen. Diesen Schwindel der modernen Propagandatrolle nennt man neuerdings postfaktisch. „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 19.12.16)

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