Die Wahrheit über „Fake News“

„Fake News“ ist der Anglizismus des Jahres 2016, meinen Sprachwissenschaftler der Freien Universität (FU) Berlin. Sie begründeten ihre Wahl jetzt mit der „überwältigenden und anhaltenden öffentlichen Präsenz“ dieses Begriffs. In ihrer Begründung verweisen die Wissenschaftler auch darauf, dass die Bezeichnung eine Lücke im deutschen Wortschatz fülle: Denn der Versuch einer Übersetzung des Wortes mit „Falschmeldung“ trifft insofern nicht zu, weil mit dem Adjektiv „fake“ eine bewusste Täuschungsabsicht impliziert wird. Rein inhaltlich käme „Fake News“ am ehesten die Übersetzung „gefälschte Nachricht“ nahe.

Somit fallen „Fake News“ mehr unter den Oberbegriff Desinformation, also die gezielte Verbreitung falscher oder irreführender Behauptungen, um die öffentliche Meinung, aber auch Einzelpersonen im Sinne bestimmter politischer oder wirtschaftlicher Ziele zu beeinflussen. Aufgrund der zunehmenden Häufung solcher Manipulationsversuche will die Bundesregierung nun sogar eine „Abwehrzentrale gegen Desinformation“ einrichten. Vor dem Hintergrund des Einflusses, den russische Hacker auf den amerikanischen Wahlkampf ausgeübt haben sollen, will Berlin mit dem Sonderkommando gegen Desinformation entsprechenden Manipulationen hierzulande vorbeugen – besonders mit Blick auf die beiden wichtigen Wahltermine im Bund und in Nordrhein-Westfalen in diesem Jahr.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hinterfragt in dem Zusammenhang hingegen, ob eine Behörde über Wahrheitsgehalte entscheiden dürfe und warnt vor Zensur. Gleichzeitig stellt der DJV-Bundesvorsitzende, Frank Überall, jedoch auch fest, „dass der öffentliche Diskurs nicht dauerhaft durch ‚Fake News‘ Schaden nehmen“ dürfe.

Nun ist die Absicht, mit gefälschten Fakten Meinung zu machen, nicht neu. Darin versuchten sich schon viele Politiker und Gruppierungen. So sind aus dem 19. Jahrhundert unwahre Meldungen über eine angebliche Flucht Napoleons bekannt. Hitler gab seinen Überfall auf Polen als Verteidigungsmaßnahme aus. George W. Bush führte Krieg gegen den Irak aufgrund fingierter Angaben zu Massenvernichtungswaffen in irakischem Besitz. Und dem neuen US-Präsidenten Donald Trump wird vorgeworfen, seinen Sieg im jüngsten Präsidentschaftswahlkampf mit gezielt lancierten, politisch motivierten Falschmeldungen erreicht zu haben. In Deutschland wiederum ergossen sich Ende vergangenen Jahres ganze Hasstiraden über die Grünen-Politikerin Renate Künast, nachdem ihr via Facebook ein gefälschtes Zitat über den mutmaßlichen Studentinnen-Mörder von Freiburg untergeschoben worden war, in dem sie angeblich für diesen Partei ergriff. Als Urheber der Fake News wurden Rechtsextreme ausgemacht.

Die Möglichkeiten derartiger Manipulationen thematisierte bereits 1997 die US-amerikanische Satire „wag the dog“ – zu deutsch etwa „wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt“. Darin ersannen sogenannte „spin doctors“ einen fiktiven Krieg mit Albanien, um von amourösen Eskapaden des amtierenden US-Präsidenten vor dem anstehenden Wahlkampf abzulenken. Albanien wird übrigens deshalb als „Aggressor“ ausgewählt, auf den die Vereinigten Staaten reagieren (müssen), weil das Land der US-Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt sei, so das Kalkül der Spin-Doktoren. Rezensenten lobten damals an der schwarzen Komödie, dass sie die „Manipulierbarkeit der Öffentlichkeit“ ebenso verdeutlich wie die „Macht, welche die Technik kleinen Gruppen in die Hand“ gebe.

Damit sind wir bei den „Fake News“ von heute. Sie profitieren von den Möglichkeiten, die Informationstechnologien und soziale Medien bieten, um Lügen, Unterstellungen und selbst Kommentare der übelsten Sorte ohne Probleme – und meist auch ohne Absender – in Umlauf zu bringen. Deshalb denkt Bundesjustizminister Heiko Maas bereits darüber nach, soziale Netzwerke mit Bußgeldern zu bestrafen, wenn sie „Fake News“ weiter ungehindert zulassen. Im Zentrum der Kritik steht dabei Facebook, das nach Ansicht vieler Kritiker bislang zu wenig gegen „Fake News“ jedweder Art sowie die Reaktionen darauf unternommen habe. Inzwischen versucht Facebook seinen Kritikern den Wind mit der Ankündigung aus den Segeln zu nehmen, dass zweifelhafte Beiträge auf entsprechende Hinweise hin künftig von dem Rechenzentrum „Correctiv“ gecheckt werden sollen. Zuvor wird es demnach jedoch noch eine Testphase geben, zu deren Umfang, Beginn etc. Facebook sich bislang bedeckt hält.

Um den unheilvollen Auswirkungen von „Fake News“ zu begegnen, nehmen auch die Stimmen zu, die eine bessere Ausbildung der Bevölkerung in Sachen Medienkompetenz fordern. Diese Erziehung soll demnach möglichst schon an den Schulen beginnen. Dazu verweisen die Befürworter solcher Medienbildung auf eine Studie der Universität Stanford, der zufolge rund 80 Prozent der zwölf- bis 13-jährigen US-Amerikaner nicht zwischen Nachrichten und Werbung unterscheiden können. Dieses Ergebnis ist wahrscheinlich nicht 1:1 auf Deutschland übertragbar, aber immerhin eine Warnung.

Mehr Kenntnisse über die Mechanismen von sozialen Medien erscheinen vielen ihrer Kritiker auch vor dem Hintergrund dringend erforderlich, dass die Nutzer dieser Informationsquellen über bestimmte Filter mit der Zeit nur noch die Mitteilungen erhalten, die mit ihrer Meinung bzw. Einstellung übereinstimmen. Man bekommt also immer mehr von dem, was man „liked“. So entstehen sogenannte Echokammern, in denen man nur noch Informationen erhält, die die eigene Ansicht verstärken. Das filtert Informationen und manipuliert so.

Was Facebook-Nutzer allein durch die Nutzung des „Like-Button“ von sich preisgeben, brachte jüngst eine Untersuchung der University of Cambridge ans Licht. Die Wissenschaftler entwickelten dafür eine Software, um aus dem „Gefällt-mir“-Verhalten von Nutzern auf deren Persönlichkeitsmerkmale schließen zu können. Erschreckendes Ergebnis: Das Programm kam auf höhere Trefferquoten als Arbeitskollegen, Freunde oder sogar Familienangehörige des jeweiligen Studienteilnehmers. Konkret waren 70 Likes nötig, um die Einschätzung der Persönlichkeit des Probanden durch enge Freunde oder Mitbewohner zu übertreffen, bei 150 Likes war das Computerprogramm besser als Familienangehörige und bei 300 Likes kam es an die Menschenkenntnis des jeweiligen Lebenspartners heran. Allein aus dem „Like“-Verhalten lasse sich mehr über den Nutzer, seine Vorlieben, Antipathien, Ansichten, kurz seine Persönlichkeit ablesen, als man denkt, warnen die Wissenschaftler. Und da diese lernfähigen Programme immer besser werden, öffnen sie Beeinflussungen und Manipulationen Tür und Tor – etwa nach dem Prinzip: jedem seine individuell angepassten „Fake News“.

Das Erkennen von solchen gefälschten Meldungen wird zudem dadurch erschwert, dass auch die sogenannten „klassischen“ Medien offenbar nicht vor der Versuchung gefeit sind, sich bei Bedarf ihre Meldungen selbst zu stricken. So lief bei der honorigen Deutschen Presse-Agentur (dpa) nach dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt die Nachricht über den Ticker „Lastwagen des Berliner Terroranschlags könnte ins Museum kommen“. Und die Meldung kam so zustande: In einem Interview fragte der dpa-Journalist den Stiftungspräsidenten des Bonner Haus der Geschichte, Hans Walter Hütter, ob daran gedacht sei, ebenjenen Terror-Lastwagen in dem Museum auszustellen. Hütter antwortete darauf ausweichend, dass es noch zu früh sei, darauf eine abschließende Antwort zu geben. Daraus entstand der Eindruck, dass es tatsächlich Überlegungen gebe, aus dem Berliner Mordwerkzeug ein Museumsstück zu machen. Die gab es de facto jedoch nicht, sondern lediglich die Frage des Journalisten nach einer Forderung, die niemand erhoben hatte. Daraus wurde dann eine Meldung, die den deutschen Blätterwald ins Rauschen brachte. So lassen sich Nachrichten generieren, die zwar nicht inhaltlich falsch sind, aber jeglichen Hintergrunds entbehren. An dem Punkt sei auch mehr Kompetenz in den Medien gefragt, kommentierten Berufskollegen.

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