Die Partys der Schaumschläger

Berlin macht eigentlich immer Party, Tag und Nacht, allerorten. Man kennt das aus alten Schlagern: Kreuzberger Nächte sind 100 Meter lang und länger. Das bezog sich vor 30, 40 Jahren darauf, dass Westberlin keine Sperrstunde kannte. Man konnte durchfeiern. Und keine Sperrbezirke, womit sich die Halbwelt durch die ganze Stadt zog. Wiedervereint ist das ganze Berlin noch attraktiver für trinkfreudige Touristen geworden. Ganze Stadtteile ähneln der Rüdesheimer Drosselgasse. Im Volkssport des Wirkungstrinkens führen seit einiger Zeit die Touris aus GB. Englische Regel: Niemand ist wirklich betrunken, solange er noch alleine stehen kann. Aber es gibt nicht nur das vulgäre Treiben, auch die besseren Kreise machen Party.

Wie kriegt man Karten? Wenn Sie im politischen Berlin etwas werden wollen, partytechnisch meine ich, dann sollten Sie Isa Gräfin von Hardenberg kennen. Oder auf der Liste von „Oberschnulli“ Schmidt aus Barcelona stehen. Die Herrschaften sind Inhaber von sogenannten Event-Agenturen. Das Geschäftsmodell der Partymacher ist einfach: Man organisiert einen gesellschaftlichen Anlass (neudeutsch Event genannt), auch wenn es dazu eigentlich keinen Anlass gibt, aber in so erlesenem Rahmen und mit so feinem Publikum, dass niemand mehr zu fragen wagt, warum der ganze Blödsinn stattfindet. Der Gräfin darf man bescheinigen, dass sie Stil hat, Manieren und Etikette und weiß, wen sie in welcher Mischung einladen kann, damit nicht auffällt, dass den Gästen eben dieses fehlt. Aufgerüscht und parfümiert schlürft der Staatssekretär neben dem Metzgermeister dann Champagner und nimmt etwas zu sich, das sich Fingerfood nennt, Kleinstgerichte, die zwar Zahnlücken, aber nicht den Magen zu füllen vermögen. Der aus Barcelona einfliegende Herr Schmidt ist in der Wulff-Affäre in Ungnade gefallen, weil einige seiner Auftraggeber das Geld für die Sause bei Unternehmen zusammengeschnorrt hatten. Bei Amtsträgern hat das Bürgerliche Gesetzbuch solchen Hang zur Entgegennahme von Gefälligkeiten nicht so gern.

Ein Event muss etwas wirklich Außergewöhnliches sein: Der Künstler Christo verpackt den Reichstag. Bill Clinton redet zum Dinner. Yoko Ono bietet Reisgebäck an. Oder es gibt Karten zu einem garantiert ausverkauften Fußballspiel der Spitzenklasse. Ein Besuch in der VIPLounge, und der Sportdirektor himself kommt zum Händeschütteln. Seitdem ich das in Leverkusen erlebt habe, weiß ich auch, warum Rudi Völler früher „Tante Käthe“ hieß. Jetzt verpackt Christo nicht den Reichstag, sondern legt einen wackeligen, golden schimmernden Steg über einen See in der Lombardei, sodass man wie Jesus übers Wasser gehen kann. Mein Freund Ulli war da und er sagt, das werde er sein Leben lang nicht vergessen. Barfuß übers Wasser wie der Heiland seinerzeit.

Unter Jesus tun sie es ungern, die Partymogule. Größenwahn ist hier keine Krankheit, sondern Eingangsvoraussetzung. Alles ist so an den Haaren herbeigezogen, dass sich normale Menschen an den Kopf fassen, aber normale Menschen kommen hier ja auch nicht rein. Der Türsteher sagt hier wie an der Disco um die Ecke: „Du kommst hier nicht rein!“ Die, die nicht dabei sind, denken, dass die, die dabei sind, was ganz Besonderes sind; deshalb denken die das dann auch.

Wenn man privat feiert, dann hat Oma Geburtstag oder der Enkel Abitur. Alles gut. Wenn die politische Klasse feiert, hat sie etwas im Hintersinn. Immer. Es sollen sich Leute treffen, die sich sonst nicht sehen, weil einer von beiden ein unkoscheres Anliegen hat. Oder es soll eine große Nummer inszeniert werden, um die kleineren Nummern in der Bilanz nicht aufscheinen zu lassen. Die Hamburger Berenberg Bank, die eine edle Tradition jüngst mit Halbseidenem krönt, fliegt zu einer internen Party ihrer Bankangestellten etwa Robbie Williams ein, der zwei bis drei Liedchen singt und um ein Honorar reicher ist, von dem ein ehrlicher Mann fünf Jahre lang seine Familie ernähren könnte. Anders als bei Shakespeare („Much ado about nothing“) gibt es hier immer „Viel Lärm um Irgendwas“. Die natürliche Verbindung von den Fetenmachern besteht zu den Meinungsbildnern. So nennt man etwas vornehmer Lobbyisten, die einem Interesse zur Geltung verhelfen wollen, das aus dem Halbschatten kommt. Beispiel ist ein ehemaliger Chefredakteur einer großen Boulevardzeitung, den ich gut kenne und hier nicht namentlich blamieren möchte. Sein Beratungsunternehmen rühmt sich aber, und insofern darf man darüber reden, mit Vorstandsvorsitzenden von Energiekonzernen zur Jagd zu gehen, das Ohr der Kanzlerin zu haben und diesem oder jenem osteuropäischen Potentaten zu Glanz zu verhelfen. Nicht alles bei meinem Berufskollegen ist sonnenlichttauglich. Aber ich erfreue mich seiner väterlichen Zuneigung und genieße seine vorlaute Art, also kein weiteres böses Wort über diesen Strippenzieher. Außer vielleicht, dass er jetzt pleite ist.

In einer Branche, in der Millionenumsätze gemacht werden und der Kaviar mit Schaumlöffeln ausgeteilt wird, gibt es das auch? Der bewusste Strippenzieher sagt, er sei in eine Branche der Schaumschläger und Wichtigtuer geraten, die auf dicke Hose machen, aber Hungerleider seien. Was er damit meint? Nun, er hat das Event-Unternehmen von Isa Gräfin von Hardenberg übernommen und damit sich selbst. Nun reißt es sein Beratungsunternehmen und den Eventladen in den Abgrund. Der Konkurs ist angemeldet. Auch wenn das jetzt wie Schadenfreude klingt, nein, er tut mir leid. Denn auch ich habe dumme Erfahrungen gemacht. Sehr gut erinnere ich mich an die fünf- oder sechstausend Euro, die ich fast verballert hätte, weil ein englischer Geschäftsfreund zu einem Champions-League-Spiel nach München wollte. Bayern gegen Chelsea. Natürlich gab es keine Karten mehr. Die Engländer wollten zu viert aufschlagen und baten um einen privaten Flieger ab Biggin Hill bei London nach München. Wir haben die Karten im Internet gekauft und uns auf Vorkasse eingelassen. Die Tickets sollten am Vorabend in einem Hotel am Münchner Flughafen übergeben werden. Wir standen zu zweit in der Hotelbar bereit. Und wer schlug nicht auf? Klar, die angeblichen Ticketverkäufer. Als ich das Ganze am Telefon einem Freund aus der Fußballwelt klagte, hat der sich vor Lachen fast verschluckt. Wie kann man so blöd sein?

Was mich damals gerettet hat? Den Engländern kam in letzter Minute etwas dazwischen und sie schickten eine SMS mit der Entschuldigung fürs Fernbleiben. Und der Bereitschaft, die vollen Kosten zu übernehmen. Das war knapp. Lehrgeld. Party nur noch ohne mich.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 07.07.16)

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