Die Magie der Schönheitsflecken

Die Berlin beherrschenden Gefühle sind zur Zeit Irritation oder gar Fassungslosigkeit. Das ist ungewöhnlich. Denn der Berliner als Ureinwohner dieser Stadt ist eigentlich nie um eine freche Antwort verlegen; man nennt das Berliner Schnauze.

Und der Berliner als Mitglied der politischen Klasse ist, bei aller ministerialen Würde, ein notorischer Alleswisser. Nichts überrascht ihn wirklich. Der Ministerialbeamte wird nicht auf dem falschen Fuß erwischt, das gehört zu seiner Grundausstattung. Irgendwie hat er schon immer alles geahnt.

Diese Stadt war immer extrovertiert bis an die Grenze des Bornierten. Berlin ist, anders als das weise Paris oder das vornehme London, nie Stadt der grübelnden Philosophen und der zurückhaltenden Gentlemen gewesen. An der Spree herrscht, bitte verzeihen Sie das böse Wort, der vorlaute Klugscheißer. Und genau bei diesem Typus Mensch regiert neuerdings große Seelennot.

Das Phänomen Donald Trump hat zunächst niemand kommen sehen (man fürchtete Hillary Clinton), und jedermann hat dann gehofft, dass sich dessen Wahlkampfstil binnen Tagen verflüchtigt und ein präsidialer Ton ins Weiße Haus einzieht. Falsch. Trump macht weiter als simpler Populist, der sich nicht um Vernunft oder Verfassung schert, solange er seine Klientel mit dreisten Sprüchen unterhalten kann. Wenn es gestern keine Katastrophe bei seinen Feinden gab, da macht er sich eine. Und sei es im Geburtsland von Pippi Langstrumpf, widewidewitt, bum, bum.

Dabei werden rhetorisch, wie der Landser sagt, keine Gefangenen gemacht. Es geht den Medien an den Kragen. Immer galten in allen Demokratien die Journalisten als die Kaste der Unberührbaren, um deren Wohlwollen man sich als Politiker zu bemühen hatte, wollte man an der Macht bleiben. Jetzt tönt der amerikanische Präsident in Washington wie der Pegida-Prolet in Dresden: „Lügenpresse!“ Berlin ist irritiert, die ersten verlieren darüber die Fassung.

Martin Schulz hat nichts mit Donald Trump gemein (gar nichts), aber auch er sorgt für eine gewisse Fassungslosigkeit. Selbst seine Parteifreunde können sich seinen Erfolg nicht wirklich erklären. Für mich selbst ist das besonders peinlich, da ich als Berater mein Geld verdiene. Ich habe Schulz kommen sehen (und das hier schon im Oktober verkündet), aber dieser Erfolg? Ich hätte es vor Monaten wissen müssen, habe es aber nicht gewusst. Ich müsste heute wissen, woran dieser Erfolg liegt, weiß es jedoch bis heute nicht, jedenfalls nicht begrifflich und letztbegründend. Wenn das so weitergeht, bin ich als Prognostiker bald brotlos.

Aber auch das wird mich nicht daran hindern, zumindest anzuerkennen, was man nicht mehr leugnen kann. Der Mann ist nicht perfekt, aber er wirkt so. Wie kann das sein? Die Menschen finden den Maddin Schulz gut. Die Berliner Auguren sind so ratlos wie ich auch. Manche in Berlin hoffen, dass sich das legt. Nun, das haben wir bei Trump auch gedacht.

Vielleicht ist der Karneval eine Erklärung für das, was wir hier erleben und uns nicht so recht erklären können. Die Welt sei ein Theater, hat Shakespeare gesagt. Ein Tollhaus, meinten andere Dichter seiner Zeit. Ein Irrenhaus, der deutsche Dichter Nietzsche. Politik als Maskenball. Es gibt zum Fasching da so ein paar goldene Regeln. Das ist keine Jahreszeit für Klugscheißer. Wir wollen nicht geschulmeistert werden. Ja. Und man darf dann, in den tollen Tagen, alles, nur nicht langweilen. Ja. Ein Witz muss nicht stimmen (Thema: „Fake News“), er muss komisch sein. Komisch kann auch sein, wenn man sich auf Kosten anderer vergnügt. Vorurteile eingeschlossen. Ja. Aber, halt stopp, der Kölner sagt: Jede Jeck iss anners. Hier herrscht Toleranz. Hier erfüllt Zuneigung zum Nachbarn ganze Säle. Hier werden Autoritäten auf den Arm genommen. Und Diktatorenmacht verlacht. Karneval ist, trotz aller Niederungen und Plattitüden, urdemokratisch. Ein Volksvergnügen dort, wo mit dem Begriff Volk kein Unwesen getrieben wird.

Jetzt zur großen Politik. Es ist das Jecke, das Unfertige, das Unbeholfene, das schon fast Peinliche, was uns als Wähler fasziniert. Wir wollen gar keine Perfektion. Eigentlich sehen wir gern, wie da auf der großen Bühne etwas verquer gehampelt wird. Wir wollen nämlich auch dort unterhalten sein. Da kann das Peinliche durchaus komisch sein. Mich erinnert das an Aphrodite, die griechische Göttin der Liebe. Bei den Römern hieß dieses Urbild weiblicher Schönheit Venus. Der Dichter Homer erzählt, dass sie von makelloser Schönheit gewesen sei. Bis auf einen einzigen Punkt: Sie schielte. Und wie begründet das der große Homer? Er sagt, eine so große Schönheit war nur um den Preis eines winzigen Makels überhaupt auszuhalten. Ja. So wurde in der Malerei für die allzu schönen Damenantlitze der Schönheitsfleck erfunden.

Wenn es also des kleinen oder mittleren Makels bedarf, damit wir das Großartige ertragen, nun, dann muss uns um unsere großen Politiker nicht bange sein. Makel, das können sie.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 25.02.17)

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