Die Angst vor der Rentnerbank

Besonders wichtige Leute (VIPs genannt – very important persons) werden gern vom Volk bespöttelt. Besonders Spitzenpolitiker, die von unseren Steuern leben, und zwar nicht schlecht, gehören zu diesen eher ironisch behandelten VIPs. Es gibt dazu einen alten Witz. Der VIP kommt aus dem Flugzeug, springt in ein Taxi. Und wenn der Taxifahrer fragt, wo es denn hingehen soll, dann antwortet er: „Völlig egal, ich werde überall gebraucht.“ Von dieser Überzeugung, einfach unersetzlich zu sein, kommen die hohen Herren nur sehr schwer weg. Bei hochgestellten Damen ist das nicht anders. In Berlin fällt immer der Name Heide Simonis, wenn über die Illusion der Unersetzlichkeit geredet wird.

Kennen Sie das Heide-Simonis-Syndrom? Das war jene Ministerpräsidentin, die wegen eines Abweichlers im schleswig-holsteinischen Parlament dreimal bei ihrer eigenen Wahl durchfiel und es einfach nicht fassen konnte. Plötzlich war sie ohne Amt. Von Frau Simonis ist die völlig entgeisterte Frage überliefert: „Und was wird jetzt aus mir?“ Diese Frage, historisch aus Kiel, bewegt nun einen Mann aus Brüssel und Straßburg, der um sein Amt in der EU fürchtet. Martin Schulz. Wie ich dazu komme? Nun, ich erzähle der Reihe nach. Es begann auf einer Party, bei der ich nicht mitgefeiert habe.

Haben Sie auf einer Feier mal still in der Ecke gesessen und dem bunten Treiben nur zugesehen? In aller Ruhe zu betrachten, wie andere geschäftig sind, das kann sehr lehrreich sein. Nüchtern zu bleiben, während der Alkoholpegel der Partygäste steigt. Den Gesprächen als Mäuschen zu lauschen, während alle anderen schnattern wie die Gänse. Eine solche Erfahrung habe ich jetzt auf einer großen Veranstaltung der SPD in Berlin gemacht. Und eine wesentliche Erkenntnis gewonnen. Martin Schulz hat noch was mit sich vor.

Der ehemalige Bürgermeister von Würselen und Gründer des dortigen Spaßbades will Kanzler werden. Nicht, dass er an dem Abend wie alle anderen getrunken hätte. Martin Schulz trinkt nie Alkohol. Und er ist von Statur kleiner als man meint, wenn man ihn sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Er hat die nervöse Umtriebigkeit des kleinen Mannes aus einfachen Verhältnissen. Der amtierende Präsident des EU-Parlamentes wuselte über die Party und zog jedem, sprichwörtlich jedem Journalisten an der Jacke. Sein Pressesprecher sprach jedes TV-Team an, ob sie nicht Herrn Schulz was fragen möchten. Martin Schulz sorgte so auffällig für gute Laune in den Reihen der Sozis, dass in mir ein Verdacht wuchs. Der will hier noch was werden.

Es könnte nämlich durchaus sein, dass der nächste Präsident des Europäischen Parlaments aus den Reihen der Konservativen kommt. Dann wäre Kevin, beziehungsweise Martin allein zu Haus. Aus der Parteizentrale der SPD erhalte ich hinter vorgehaltener Hand die Bestätigung: Den gelernten Buchhändler treibt der Ehrgeiz zu Höherem. Er wirbt in der SPD für sich. Zunächst will er die K-Frage für sich entscheiden, also Kanzlerkandidat der Sozis werden. Dann hofft er, ins Kanzleramt einzuziehen, weil er Rot-rot-grün hinter sich versammeln kann.

Ich würde eine solche Spekulation hier nicht verbreiten, wenn ich nicht weitere Indizien dafür hätte, dass sie zutrifft. Meine Quelle werde ich nicht nennen. Das ist ein Privileg des Journalismus. Also müssen Sie mein Wort für die Tat nehmen. Ich sage: Martin Schulz will. Und es gibt in der SPD Kreise, die sich vor dem jetzigen Parteivorsitzenden fürchten.

Auch im Westerwald habe ich schon solche Stimmungen vernommen. Die SPD in Montabaur hat Sigmar Gabriel sogar zum Rücktritt aufgefordert. Dieser Mut zum Aufstand schwand erst, als die Generalsekretärin anrückte und die aufmüpfigen Hasen in der Schusterstadt wieder zu ihrem gelernten Hasenmut zurückfanden. Loyalität zur eigenen Führung, das können die Schwarzen; die Roten wollen es nicht mal.

Ob Frau Merkel für die Union antritt, ist noch nicht entschieden. Offen ist auch, ob Herr Gabriel die K-Frage überhaupt für sich entscheiden will. Jetzt läuft das Spiel: Hahnemann, geh du voran. Es könnte sein, dass es bei der Kanzlerfrage so wird, wie es bei der Frage des Bundespräsidenten schon ist: Es hat einfach keiner Lust, sich das Amt anzutun, außer jenen, die sonst auf die Rentnerbank müssten. Richtlinienkompetenz als Vorruhestand.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 17.10.16)

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