Demokratie ist kein Ponyhof

Die Deutschen gelten als reinlich. Trotzdem lebt der Berliner Politikbetrieb auch von Vorgängen, die nicht immer so ganz sauber sind. Kommt davon etwas zum Vorschein, rufen die Feinde der Demokratie nach „Säuberung“. Man bedient dann das Vorurteil, dass Politik ein schmutziges Geschäft sei. Ich mag diesen Spruch nicht, weil er oft mit einer Verachtung der Demokratie daherkommt. Aber eine Spur Wahrheit enthält er doch. Politik ist manchmal „dirty“, wie das neudeutsch heißt.

Dirty finde ich zum Beispiel, wie der Bundeswirtschaftsminister versucht, dem Handelsriesen Edeka einen Gefallen zu tun und dessen Konkurrenten Rewe zu schädigen. Es geht darum, wer die zum Verkauf stehenden Geschäfte von Tengelmann übernehmen darf und wer nicht. Das Kartellamt als zuständige Behörde ist gegen Edeka, der Minister ist aber dafür. Eigentlich will Gabriel, das ist meine Meinung, nicht Edeka helfen, sondern der Gewerkschaft Verdi einen Gefallen tun. Die will bei Edeka ihren Einfluss erhöhen. Da liegt für meine Begriffe der Hase im Pfeffer. Gabriel sagt das aber nicht klar; er verbirgt es hinter dem Satz: „Es geht um die Arbeitsplätze.“ Das ist nur nicht so ganz sauber. Auch Rewe hätte im Fall der Übernahme von Tengelmann keine Entlassungen vorgenommen. Ein eher schmutziges Geschäft? Nun, auch ich bin in der Frage nicht neutral: Ich arbeite für Rewe. Das müssen Sie, verehrte Leser, wissen. Eine Gemengelage von Interessen also. Und es wird mit harten Bandagen zwischen den Interessenten gekämpft. Nicht jeder Schlag ist oberhalb der Gürtellinie. In einem solchen Fall sagt man in Berlin: „Das Leben ist kein Ponyhof!“

Das gefällt mir als Spruch schon besser. Pferde-Freizeit-Betriebe sind im Westerwald zu einem stattlichen Gewerbe geworden, ein einträgliches Nachfolgegewerbe für die Landwirtschaft. Regionale Wirtschaftsförderung, das hat was. Ich mag den Gedanken, dass der Ponyhof ein friedlicher Ort ist, ein kleines Paradies für reitbegeisterte junge Mädchen. Wenn die Regionen jenseits der Ballungszentren attraktiv für Zuzug sein sollen, dann gehören dazu nicht nur Fabrikhallen und Einkaufszentren, sondern auch Freizeitangebote. Zum Beispiel der Ponyhof. Mag die Jugend auf dem Rücken kleinwüchsiger Pferde eine Idylle sein, die Welt der Politik ist es nicht. In der Politik geht es eigentlich immer um Macht und damit um Interessen. Schon deshalb ist sie kein Ponyhof. Und hinter den Interessen geht es um Eitelkeit und Geld.

Die wirklichen Motive der Politik werden um so ungewisser, je weiter man Licht ins Dunkel bringen will. Hinter dem hell erleuchteten Gemeinwohl verbergen sich im Halbschatten die politischen Interessen. Hinter diesen wird es noch finsterer. Weltanschauliche Gelüste lauern hier. Oder Machtwillen und dicke Brieftaschen. Meist sind es dünne Brieftaschen, die gern dick würden. Sage ich damit, dass die Menschen gar keine Ideale mehr haben? Keine moralischen Werte? Nein, das sage ich nicht. Oft geht es um die Sache; manchmal aber eben auch um die eigene Sache. Ich frage nach den Brieftaschen hinter den Werten.

Wessen Aufgabe ist es, Licht ins Dunkel zu bringen? Das ist Aufgabe der Presse. Eigentlich könnte jeden Morgen auf dem Titel einer guten Zeitung stehen: „Warum das Leben auch heute wieder kein Ponyhof ist.“ Der in Berlin erscheinende „Tagesspiegel“ sagt das etwas vornehmer, nämlich in Latein. Sein Motto ist „rerum cognoscere causas“, was meint: „Die (wahren) Gründe der Dinge, ihre Ursachen kennen (wollen)“.

Natürlich sind Zeitungen deshalb bei denen unbeliebt, die etwas zu verbergen haben. Die Politik liebt die Presse nicht. Sie macht ein freundliches Gesicht, wenn Reporter zu befürchten sind; aber das ist nicht das Gleiche. Warum nun ausgerechnet diejenigen, die keine Ahnung von höheren Kreisen und auch nichts zu verbergen haben, weil sie nichts haben, von der Lügenpresse schwadronieren, das wissen die Götter. Der Dichter Heinrich Heine hat mal gesagt: „Die Deutschen werden durch Schaden dumm.“

Man darf der Presse nicht blind trauen, das ist richtig. Man hat seinen Kopf nicht nur zum Haareschneiden. Aber die Kampfparole von der Lügenpresse beruht auf Verachtung der Demokratie. Ich lasse mal meiner Fantasie freien Lauf. Mir sind die Saubermänner der „Säuberungen“ verdächtig. Das Wort von der Lügenpresse kommt von jenen, die statt eines Ponyhofes lieber eine saubere Pferdezuchtanstalt hätten, mit Rassehengsten und treudeutschen Stuten. Das Leben als Kasernenhof. Die Wiedergeburt des Kadavergehorsams. Ich höre Stimmen aus den Särgen der Geschichte. Nein, dann doch lieber ab und zu schmutzige Geschäfte. Und eine Presse, die Licht reinbringt.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 24.08.16)

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