Das Grundgefühl des Befremdens

Immer wieder treffe ich Menschen, die ganz klare Meinungen zu Spitzenpolitikern haben. Das muss nicht mal mit der politischen Präferenz zu tun haben, also ob jemand rot, schwarz oder grün ist. Ich höre Bekennersätze, die mit großer Bestimmtheit jenen gut finden und einen anderen furchtbar. Wissen Sie, was mein Problem ist? Ich kann mich zu einer solchen Verteilung einer Zuneigung einfach nicht durchringen. Mich befremdet das meiste, was ich in Berlin sehe.

Politiker werden jede Woche in regelrechten Hitparaden aufgelistet, und zwar nach ihrer Beliebtheit. Ich weiß, dass alle Beteiligten mit besonderer Aufmerksamkeit auf jedes neue Ranking warten. Mancher ist regelrecht unglücklich, weil seine Konkurrenten höher in der Wählergunst stehen. Woran macht sich aber fest, ob jemand populär ist oder nicht? Ein großes Geheimnis. Berlin rätselt. Ich weiß, dass es Bundespolitiker gibt, die finden, sie müssten dringend abnehmen. Sie vermuten, sie seien zu fett für mehr Beliebtheit. Ich weiß, dass es andere gibt, die sich Herrenausstattern anvertrauen und tolle Anzüge suchen. Und ich weiß, dass es Politiker gibt, die regelrecht Sprechunterricht nehmen, damit sie besser Hochdeutsch können. Man will nicht wie ein Provinzdepp klingen, sondern wie ein moderner Mensch der Metropole. Ist Mundart ein Problem?

Jeder Mensch spricht eine Mundart. Weil die Muttersprache die Sprache der eigenen Mama ist, nimmt man meist auch deren Dialekt an. Und so können alle dem Herrgott danken, die nicht an einer fränkischen Brust gesäugt wurden. Oder als Landeskinder im finsteren Sachsen ihren Brei löffeln mussten. Das Fränkische und das Sächsische, das sind Dialekte, die nicht hoch angesehen sind. Man ist gut beraten, schnell Hochdeutsch zu lernen. Nur die Niedersachsen rund um Hannover sind der Meinung, dass sie schon von Hause aus ein lautreines Hochdeutsch sprechen. Da hilft es nicht, wenn man in Coburg (Franken) oder Bautzen (Sachsen) anderer Meinung ist. Der Leitsatz „Nichts ist doofer als Hannover!“ ist in deutschen Landen ein Minderheitenvotum.

Es ist schon interessant, dass es Mundarten gibt, die auf sich selbst mächtig stolz sind. Und solche, mit denen man eher verschämt umgeht. Niemand kann erklären, woher das kommt, aber das Hanseatische gilt als vornehm und klug und das Rheinische als gut gelaunt bis dümmlich. Der Tiefpunkt selbst des Rheinischen ist das Niederrheinische, so wie es rund um Kleve gesprochen wird, am bitteren Ende des stolzen deutschen Flusses, bevor er in die Niederlande muss. Aus dieser Gegend kommt Ronald Pofalla, der ehemalige Kanzleramtsminister. Der Merkel-Getreue ist heute Topmanager bei der Deutschen Bahn AG und wird als künftiger Bahn-Chef gehandelt. Er spricht ein so breites Niederrheinisch, dass ich immer an den alten Witz von dem Storch und dem Breitmaulfrosch denken muss.

Herr Pofalla (CDU) ist gelernter Sozialpädagoge und hat dann mit finanzieller Förderung eines örtlichen Müllentsorgers die Kurve zu einem Jura-Examen gekriegt. Er trat in eine Kanzlei ein, die sich um Helmut Kohl besondere Verdienste erworben hat. Barbara Hendricks (SPD) ist gelernte Lehrerin, die dann vor der Schule gekniffen und eine Doktorarbeit geschrieben hat. Wie kommen wir jetzt auf die Bundesumweltministerin? Na, sie kommt auch aus Kleve am Niederrhein. Frau Hendricks hat sich den Doktortitel erworben mit einer Arbeit über die Entwicklung der Margarine-Industrie am Niederrhein. Margarine? Die Butter für Arme? Ja. Das ermöglichte ihr eine Karriere in der Finanzverwaltung bis hinauf zu Staatssekretärposten im Berliner Ministerium. So wie Pofalla als Merkels Konfident gilt, erscheint Hendricks als Sendbotin der nordrheinwestfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Kraft hat sie in das Kabinett der Großen Koalition geschickt, weil Gabriel ihr dazu freie Hand gegeben hatte.

Ein schwarzer Politiker und ein rotes Pendant. Zwei Lager, vorübergehend vereint in einer Koalition, der niemand eine Zukunft gibt. Merkels nächste Wahl dürfte grün sein. Herr Pofalla sieht so smart aus, wie man es von einem modernen Manager erwartet, und ist ein mehrfach begehrter Ehemann. Frau Hendricks lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und hat so gar nichts vom mondänen Chic der Hauptstadt. Der Berliner spricht vom Yuppie und dem Blaustrumpf. Beide haben Mühe mit dem Hochdeutschen. Der eine alert, die andere recht grobschlächtig und uninspiriert. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, wem ich meine Sympathie schenken soll. Keinem, fürchte ich.

(Erschienen in der Rhein-Zeitung vom 21.06.16)

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