Aufbruch zur europäischen Einigung

Nach dem Brexit-Votum der Briten kommt Deutschland und Frankreich nach Ansicht von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker eine besondere Bedeutung für die EU zu. Im Anschluss an ein Krisentreffen mit EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz nach dem Beschluss Großbritanniens, die EU zu verlassen, sprach Juncker von einem „deutsch-französischen Motor“ für die Gemeinschaft. Als eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein Zusammenwachsen der europäischen Nationen in der Europäischen Union überhaupt möglich wurde, darf der Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit angesehen werden, den der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 im Pariser Élysée-Palast unterzeichneten. Dieses Kernstück der Aussöhnung und Verständigungspolitik zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg heißt seitdem auch nur kurz Élysée-Vertrag.

Das Abkommen sollte einen Schlussstrich unter die sogenannte „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen ziehen, die seit Ludwig XIV. bestand und immer wieder zu Konflikten und Kriegen geführt hatte. In der inzwischen als Jahrhundertvertrag bewerteten Vereinbarung bekräftigten de Gaulle und Adenauer denn auch, dass die Versöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk eine „Jahrhunderte alte Rivalität“ beenden solle. Darin sahen die beiden Väter der deutsch-französischen Freundschaft „ein geschichtliches Ereignis“.

Als solches wird heute auch die grundlegende Einsicht bewertet, die den Geist des Élysée-Vertrages prägt: dass Freundschaft und eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern den ersten wichtigen Schritt hin zu einem in Frieden vereinten Europa bedeuten. In diesem Sinne war Frankreich in Person seines Präsidenten de Gaulle, der während des Zweiten Weltkriegs den Widerstand gegen die deutsche Besatzung geführt hatte, bereit zur Versöhnung mit Deutschland und zu seiner Integration in ein gemeinsames europäisches Haus. In seiner berühmten Rede an die deutsche Jugend vom 9. September 1962 in Ludwigsburg betonte der französische Präsident seine Überzeugung, dass die Zukunft beider Länder der Grundstein werden könne und müsse, auf dem die Einheit Europas gebaut wird. De Gaulle sagte sogar, der höchste Trumpf für die Freiheit der Welt sei die gegenseitige Achtung, das Vertrauen und die Freundschaft zwischen dem französischen und dem deutschen Volk.

Für die beiden Nationen begann mit dem Élysée-Vertrag eine Zeit enger Zusammenarbeit auf verschiedensten Ebenen: politisch in Form von regelmäßigen, intensiven Konsultationen zwischen den Regierungschefs über die Minister bis hinunter zu Behörden und Kommunen. Kooperation war nun ebenfalls in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft sowie Kultur angesagt. Und um die vertraglich vereinbarte Aussöhnung zwischen den beiden Völkern mit Leben zu füllen, gehören seitdem Absprachen im Bildungs- und Erziehungssektor sowie im Jugendbereich zu den Ergebnissen des Élysée-Vertrags, die das deutsch-französische Zusammenleben maßgeblich zum Positiven beeinflussten. Als sehr förderlich für die gelebte Aussöhnung und Verständigung erweisen sich außerdem die Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Frankreich, ebenso wie Schüleraustauschprogramme und das Deutsch-Französische Jugendwerk.

Dass Franzosen und Deutsche heute weitgehend ohne Ressentiments miteinander umgehen, dass die Achse Bonn-Paris und nachfolgend Berlin-Paris als „deutsch-französischer Motor“ der EU bezeichnet werden kann, all das nahm seinen Anfang mit dem Élysée-Vertrag. Die weitsichtige Vereinbarung von de Gaulle und Adenauer, mit der die europäische Idee ihre Basis erhielt, wurde später nicht zuletzt von den Staatspräsidenten und Bundeskanzlern Valéry Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt, François Mitterrand und Helmut Kohl sowie Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder weiterentwickelt. Ihr entsprangen unter anderem der „Finanz- und Wirtschaftsrat“ und der bilaterale „Verteidigungs- und Sicherheitsrat“ sowie nachfolgend der „Europäische Rat“ und das „Europäische Währungssystem“. Damit wurde der Élysée-Vertrag zu einer Art Initialzündung für den Aufbruch zur europäischen Einigung und gilt bis heute als ein Vorbild für den Willen zu Versöhnung und Partnerschaft.

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