Abkehr vom Freihandel – ist Protektionismus der neue Trend?

Spätestens mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben die Diskussionen über die jeweiligen Vor- bzw. Nachteile von Protektionismus und Freihandel neue Brisanz bekommen. Denn der neue Mann im Weißen Haus setzt auf die Abschottung seines Landes, will es mit neuen Steuern und Zöllen vor den „bösen“ Importen aus anderen Ländern schützen. Damit erfüllt Trump seine Versprechungen aus dem Wahlkampf, nach der Leitlinie „America first“ zu handeln und die politischen Entscheidungen seiner Regierung davon abhängig zu machen, ob sie den Amerikanern nützen oder nicht. Allerdings sind viele Ökonomen, die Trumps Abschottungspolitik kritisieren, nicht der Ansicht, dass diese den USA (mittel- und insbesondere langfristig) zum Vorteil gereichen wird. Aber auch der globale Handel könnte demnach unter dem neuen amerikanischen Protektionismus leiden.

Doch von solchen Zweiflern lässt sich Trump bekanntlich nicht beeindrucken. Im Rahmen seiner angekündigten Abschottungspolitik erklärte der neue US-Präsident als eine seiner ersten Amtshandlungen den Austritt der USA aus dem transpazifischen Handelsabkommen TPP. Auch damit setzt Trump seine protektionistischen Ankündigungen aus dem Präsidentschafts-Wahlkampf um, in dem er bereits betont hatte, dass er grundsätzlich nicht viel von Freihandelsabkommen, wie etwa dem nordamerikanischen mit Mexiko und Kanada (NAFTA – North American Free Trade Agreement) hält.

Doch nicht erst seit dem Eintritt Trumps in das politische Geschehen der USA wächst die Kritik an der Globalisierung und damit auch dem Freihandelsgedanken. In Europa propagieren ebenfalls populistische, nationalistische Gruppierungen zunehmend protektionistisches Gedankengut: So in Großbritannien, wo rechtspopulistische EU-Gegner rund 52 Prozent der Bevölkerung dazu bewegen konnten, für den Brexit, also den Austritt des Landes aus der Europäischen Union zu stimmen. Dabei argumentierten die Brexit-Befürworter damit, dass es besser sei, wenn Großbritannien eigene Handelsabkommen abschließen könnte – was als EU-Mitglied nicht geht. Dadurch würden die britischen Exporte in die übrige Welt doppelt so schnell wachsen wie jene in die EU-Länder, hieß es.

Für die Brexit-Kritiker hingegen bedeutete der Freihandel innerhalb der Gemeinschaft einen der wichtigsten Gründe für einen Verbleib in der EU. Sie sorgen sich, dass es zu erheblichen negativen wirtschaftlichen Folgen für den europäischen Staatenbund kommen wird, wenn die zweitgrößte Volkswirtschaft in der EU dieser den Rücken kehrt. Doch auch die Briten müssen sich nach dem Brexit-Votum auf neue Handelsbedingungen einstellen: Ihren Unternehmen drohen nun Zölle und Handelshemmnisse als Alternative zum ehemals freien Zugang zum Binnenmarkt. Diese neuen Verhältnisse können den Handel zwischen der britischen Insel und dem europäischen Kontinent massiv erschweren und so Wohlstandsverluste für alle mit sich bringen, warnen Ökonomen und Wirtschaftsvertreter unisono.

Ungeachtet dieser Mahnungen von Experten finden in Frankreich, den Niederlanden, Italien und ebenfalls in Deutschland Parteien und Gruppierungen weiter Zulauf, die gegen Freihandel und Globalisierung eingestellt sind. Nicht nur diese Entwicklung legt für etliche Beobachter den Schluss nahe, dass der Globalisierung derzeit „die Puste ausgeht“. Dafür sorgen demnach nicht zuletzt eine nachlassende Dynamik im internationalen Güterhandel sowie das Wiederaufleben regional geprägter Wertschöpfungsketten.

Nach Analysen des Internationalen Währungsfonds (IWF) geht das Volumen des weltweiten Güteraustauschs seit Jahren zurück. Demnach wuchs der Güteraustausch in den 1990er Jahren noch doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft. Doch das ist vorbei: In den Jahren 2001 bis 2007 legte der Handel laut IWF nur noch eineinhalbmal so schnell zu wie das globale Bruttoinlandsprodukt. Und seit 2008 hat sich das Wachstumstempo auf das der Wirtschaft insgesamt vermindert. Damit falle die Globalisierung als volkswirtschaftlicher Treiber aus, folgern die Ökonomen. Als Bremse der Globalisierung erweist sich demnach zudem, dass sich kaum noch Fortschritte bei der weiteren weltweiten Handelsliberalisierung erzielen lassen, weil die Industrie- und die Schwellenländer es nicht schaffen, ihre Interessengegensätze zu überwinden.

Dabei verspricht nach der ökonomischen Theorie die Liberalisierung der Märkte Wohlstandsgewinne für alle, weil sie eine effizientere Arbeitsteilung zwischen den Volkswirtschaften ermöglicht. Das war auch der Gedanke, weshalb die Liberalisierung des Welthandels in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts forciert wurde. Ausdruck dafür war das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT), dem 1995 die Welthandelsorganisation (WTO) folgte. Deren oberste Maxime ist die Liberalisierung des Handels.

Aus Sicht der Ökonomen fördert der Freihandel jedoch nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit und Leistungskraft der beteiligten Länder und ihrer Industrien, sondern reduziert dabei ebenfalls soziale Ungleichheit – und zwar sowohl innerhalb der Staaten als auch untereinander. Doch all dies ficht die Gegner des Freihandels und der Globalisierung nicht an – sie setzen auf die Renaissance des Nationalen, der Abschottung und treffen damit den Nerv all derjenigen, denen der freie Handel nach eigenem Befinden keine Vorteile gebracht hat und die sich von einer Rückkehr zur „guten alten Zeit“ mehr Sicherheit und Prosperität erhoffen.

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